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| 2007 stehen Homoehen im "Who's Who" |
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2007 stehen Homoehen im "Who's Who" Wer im renommierten Nachschlagewerk "Who's Who" steht, hat es geschafft, er gilt sozusagen als prominent. Nun hat der Herausgeber des Nachschlagewerkes eine kleine Revolution ausgelöst: Homosexuelle Partnerschaften sollen ab dem Jahr 2007 erwähnt werden. Da wird wohl auch die Partnerschaft von Elton John und seinem Lebensgefährten und Angetrauten David Furnish erwähnt werden. Das ist ja wohl Ehrensache, stammt das bekannte Promi-Nachschlagewerk doch aus Grossbritannien. Wie der Verlag in einer Presseaussendung bekannt gab, kann die Entscheidung aber erst in der nächsten Ausgabe umgesetzt werden, die dann im Jahr 2007 erscheinen soll. Schwule und lesbische Beziehungen wurden im "Who's Who" bisher einfach nicht erwähnt. Auch George Michael und Kenny Gross werden dann wohl im "Who's Who" als Paar auftauchen, haben sie doch bereits ihre Pläne für eine "Heirat" öffentlich gemacht. Derzeit umfasst das "Who's Who" mehr als 32.000 Einträge zu Prominenten, wobei diese selbst bestimmen können, was über sie veröffentlicht wird. Zu diesem Zweck erhalten sie ein Formular, in das sie ab sofort bei Bedarf auch eine homosexuelle Partnerschaft und den Termin der Registrierung bzw. Hochzeit eintragen können.
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| Geschrieben von Jadmanx am Donnerstag, 26. Januar 2006 |
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| 70.000 HIV-Neuinfektionen in China |
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70.000 HIV-Neuinfektionen in China In China haben sich im vergangenen Jahr 70 000 Menschen neu mit der Immunschwächekrankheit Aids angesteckt. Damit leben in der Volksrepublik heute rund 650 000 Menschen mit dem HIV-Virus. Dies berichteten das Gesundheitsministerium, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UNO-Programm UNAIDS in Peking. In ihrem Bericht wurde die Gesamtzahl der geschätzten Infektionen wegen besserer Erhebungen von bisher 840 000 auf 650 000 nach unten korrigiert. Es gebe aber keine Anzeichen, dass die Ausbreitung der Aids-Epidemie in China zurückgehe. Vielmehr verbreite sich die Krankheit jetzt nicht mehr vor allem in Hochrisiko-Gruppen, sondern zunehmend auch in breiten Bevölkerungsschichten aus. Hauptursachen für Aids-Infektionen in China seien ungeschützte Sexulakontakte und das Spritzen von Drogen.
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| Geschrieben von Jadmanx am Donnerstag, 26. Januar 2006 |
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| Martin macht müde Männer munter |
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Martin macht müde Männer munter„Darf ich ihnen Martin Loge vorstellen? Der neue und hoffentlich tatkräftige Jugendgruppenleiter unserer Gemeinde.“ Pastor Uwe Hallmann deutete auf einen jungen Mann von 22, der neben ihm stand. „Hallo, guten Abend!“ Martin reichte jedem der 8 anwesenden Mitglied des Kirchenvorstandes die Hand. „Vielleicht kannst du uns ja etwas über deinen bisherigen Lebenslauf mitteilen.“ Pastor Hallmann setzte sich an den Kopf des langen Tisches, der im großen Saal des Gemeindehauses stand. „Ja, das kann ich gerne tun.“ begann Martin. „Also, ich bin in Hannover geboren, da wurde ich dann getauft und später auch konfirmiert. Ich habe dann mit 16 eine Ausbildung als Jugendgruppenleiter gemacht. Außerdem habe ich einige Kurse über Theologie besucht, in Hamburg und Lübeck meistens. Dann bin ich nach Braunschweig gezogen. Nebenbei gebe ich noch Gitarrenunterricht. Tja, und jetzt bin ich hier, um mich nützlich zu machen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.“ Die Mitglieder des Kirchenvorstandes nickten sich gegenseitig wohlwollend zu. „Und weil das schließlich heute mein Einstand ist, habe ich gedacht, daß ich etwas zu trinken spendiere.“ fügte Martin seinem kleinen Vortrag noch hinzu. „Das ist ja nett!“ entfuhr es Frau Lisbeth Kämmerer, einer kleinen rundlichen Frau Ende 50. „Das finde ich auch.“ Meinte der 30jährige Diakon Christian Spatz. „Ach...“ Martin ging zur Tür des Saals, hinter der er einen Korb mit einigen Flaschen und Pappbechern hervorholte. Alle im Saal bedienten sich dann fröhlich mit Saft, Sekt und was Martin sonst noch so mitgebracht hatte. Während des lebhaften „Gelages“ stellte der Pastor Martin die anderen vor. „Das ist Frau Kämmerer, sie ist schon lange in unserer Gemeinde tätig als Leiterin der Seniorenkreise.“ Brav schüttelte Martin Frau Kämmerer noch mal die Hand. „Das ist Frau Meyer - Graumüller. Sie leitet den Frauenkreis.“ Martin stand vor einer griesgrämig dreinschauenden Frau um die 40. „Frau Daniela Meinhard, Herr Hans Klein, Frau Britta Kerber und Herr Peter Folke, unser Finanzausschuß .“ Die vier nickten Martin freundlich zu. „Und, schließlich, Unser Diakon Christian Spatz und sein Frau Anne. Sie sind natürlich nicht im Kirchenvorstand, aber...“ „Hallo.“ Christian Spatz gab Martin die Hand, ebenso seine Frau. „Naja...dann hole ich mir auch mal ein Glas...Wasser.“ Gerade rechtzeitig erinnerte sich Uwe Hallmann daran, daß er keinen Alkohol mehr trinken durfte. „Also sie werden dann unsere Jugendgruppe leiten.“ Sagte Christian Spatz. Martin nickte. „ich hörte schon, daß das Thema in den letzten Monaten ziemlich eingeschlafen ist, seit mein Vorgänger weggezogen ist.“ Martin nahm einen Schluck von seinem Orangensaft. „Das stimmt. Wird Zeit, daß mal wieder ein wenig Schwung hier rein kommt.“ Entgegnete Christian. „Sagen sie, sind sie verheiratet?“ fragte Anna Spatz. „Also Anne!“ rügte Christian sie. „Ach, ist schon in Ordnung. Nein, ich bin nicht verheiratet.“ Martin lächelte. „Erlauben sie mir auch eine Frage: Haben sie Kinder?“ „Ja, einen 5jährigen Jungen, Markus.“ Erwiderte Anne. „Oh, wundervoll.“ „Tja...“ „War nett, sie kennenzulernen. Wir sehen uns sicher noch.“ Meinte Martin und ging zu Pastor Hallmann. „Bestimmt.“ Sagte Christian und sah Martin nach. „Ein sympathischer junger Mann.“ Meinte Anne Spatz zu ihrem Mann. „Ja, das ist er.“ Christians Blicke ruhten noch auf Martin, der mit Uwe Hallmann einige Worte wechselte. „Herr Hallmann, ich muß dann auch gehen, meine Wohnung ist noch nicht ganz in Ordnung, sie wissen, der Umzug und so...“ „Sicher Martin, gehen sie nur. Sie kommen doch morgen in den Erntedankgottesdienst?“ „Natürlich. Um 10 Uhr?“ fragte Martin. „Ja. Danke noch mal für die Getränke.“ Erwiderte Uwe Hallmann. „Also ich verabschiede mich jetzt. War nett sie alle kennenzulernen!“ sagte Martin noch in die Runde, nahm seinen Korb und verließ das Gemeindehaus und fuhr in seine Wohnung. „Das war wirklich ein schöner Gottesdienst, Uwe!“ sagte Anne Spatz, als sie mit ihrem Mann aus der Kirche kam. „Danke Anne. Kommt ihr noch ins Gemeindehaus zum gemeinsamen Mittagessen?“ „Natürlich.“ Erwiderte sie. „Wird denn dieser Martin Loge auch da sein?“ wollte Christian wissen. „Ich weiß nicht, aber da kommt er gerade. Martin!“ rief Uwe Hallmann. Martin sah sich um und kam dann zu den dreien. „Ach hallo!“ sagte er. „Wirklich schön, ihr Gottesdienst.“ „Ja, nicht wahr?“ Anne Spatz lächelte ihn an. „Kommen sie noch zum Essen ins Gemeindehaus?“ fragte Christian. „Tja...wenn’s nicht zu lange dauert...“ erwiderte Martin. „Sicher nicht.“ Meinte Pastor Hallmann zuversichtlich. „Na dann, gehen wir mal.“ Sie gingen, vorläufig noch ohne Pastor Hallmann, der noch einige Leute verabschiedete, ins Gemeindehaus. Dort wimmelte es schon von hungrigen Menschen, die sich in der neuen Küche das Essen, bestehend aus einem Braten, Klößen und verschiedenem Gemüse, abholten. „Such du schon einen Platz Schatz, ich bringe dir was mit.“ Sagte Christian zu seiner Frau. „Danke Liebling.“ Sie begab sich in den großen Saal. „Haben sie sich hier schon eingewöhnt?“ fragte Christian Martin. „Naja, ich bin es gewohnt, umzuziehen, sagen wir es mal so.“ erwiderte der. „Wieso das?“ wollte der junge Diakon wissen. „Sind sie schon so oft umgezogen?“ „Wissen sie, ich mache es wie Cher in „Meerjungfrauen küssen besser“: Eine verflossene Liebe, ein neuer Umzug. „Ist das denn nicht sehr teuer und kostenaufwendig?“ „Naja, geht so. Ein bißchen Geld bekomme ich auch von meinen Eltern. Und sonst, nun, öfter mal was neues, verstehen sie?“ Christian nickte. Jetzt bekamen die beiden auch schon ihr Essen. „Eine verflossene Liebe also?“ fragte Christian. „Sind sie jetzt darüber weg?“ „Ja klar“, meinte Martin, „Er war sowieso ein Blödmann. Da ist ihre Frau.“ Christian blieb stehen. Er? Martin war...Jetzt wußte er es. Aber was sollte es. Schnellen Schrittes ging er ihm hinterher, zum Tisch, den seine Frau ausgesucht hatte. „Sieh mal, mein Vater hat Markus vorbeigebracht.“ Anne hob ihren Sohn von ihrem Schoß. „Das ist also ihr Sohn?“ fragte Martin. „Der ist ja wirklich süß.“ Fasziniert sah Martin den kleinen Jungen mit den struppigen Haaren an, der durch den Gemeindesaal wetzte. „Ja, das ist er.“ Murmelte Christian gedankenverloren, während er Martin beobachtete. „Können wir jetzt essen?“ fragte Anne ihren Mann. „Oh ja, natürlich.“ Christian stellte Anne und sich selbst einen Teller hin. Dann nahm er ihr gegenüber Platz, da Markus wiederkam und sich neben seine Mutter setzte. „Sie setzen sich doch mit hierher oder?“ fragte Anne Martin. „Kann ich machen. Darf ich...?“ Martin, mit der Hand an dem Stuhl neben Christian, sah diesen fragend an. „Sicher, sicher.“ murmelte er erneut. „Danke.“ Martin zog den Stuhl zurück und setzte sich. Dann begannen alle zu essen. Ein kauendes Schweigen breitete sich im Saal aus. Martin griff nach dem Salzstreuer auf dem Tisch, genau im selben Moment wie Christian. Ihre Hände berührten sich kurz, doch Christian nahm es genau wahr. „Oh, Entschuldigung.“ Sagte Martin heiter - ahnungslos. „Nehmen sie ruhig zuerst.“ „Nein, danke, eigentlich...will ich doch kein Salz.“ Sagte Christian zögerlich. „Na dann...“ „Sagen sie, hätten sie Lust, nächste Woche einmal zu uns zum Essen zu kommen?“ fragte Anne nach vollendetem Mahle. „Oh, das ist sehr nett, vielen Dank, aber -“ „Sie können doch nicht ablehnen!“ unterbrach ihn Anne. „Also gut.“ Meinte Martin. „Vielen Dank.“ „Wie wäre es Freitag?“ fragte Anne. „Das paßt mir gut.“ Entgegnete Martin. „Es ist dir doch recht Schatz, oder?“ sprach sie ihren Mann an. „Was? Ja, was immer du meinst.“ Erwiderte er geistesabwesend. „Naja, ich geh dann mal.“ sagte Martin. „Ich will noch etwas für die Jugendgruppe am Mittwoch vorbereitet sein. Es muß gut werden. Es ist schließlich...mein erstes Mal hier.“ Christian sah ihn auf einmal an. „Was sagen sie?“ „Mein erstes Mal. In der Jugendgruppe!“ „Ach so. Ja.“ „Vielleicht kommen sie ja mal vorbei, ich würde mich freuen. Machen sie’s gut, bis dann.“ Martin stand auf und ging. „Ein wirklich netter junger Mann.“ Meinte Anne wieder. „Warum hast du ihn um essen eingeladen?“ wollte Christian auf einmal wissen. „Naja, er ist neu hier, nett, ein Kollege -“ „Na und?“ fuhr er seine Frau an. „Das hast du sonst auch nie gemacht.“ „Aber Liebling, ich habe dich doch gefragt, ob es dir recht ist.“ „Natürlich, nur, damit ich mein Ja auch noch dazugebe.“ Christian blickte mißgestimmt vor sich hin. „Also ehrlich, ich weiß gar nicht, was du hast.“ Anne schüttelte den Kopf. „Also hallo, ich bin Martin Loge und ich werde das hier ab heute so leiten, nech? Vielleicht bekomme ich mit der Zeit noch ein paar Helfer, aber im Moment bin ich hier „The one and only“ Master, klar?“ „Alles klar, Meister!“ sagte einer der Jugendlichen, die sich mehr oder weniger zahlreich im Jugendheim versammelt hatten. „Gut...ich habe für heute nichts so spezielles vorbereitet, ich dachte mir nur, ihr erzählt mir und den anderen was über euch und ich erzähle euch was über mich, wenn ihr’s hören wollt.“ „Nee!“ tönte ein anderer junger Mann um die 14. „Ach nein? Dann kannst du ja gleich mal anfangen mit erzählen!“ meinte Martin. „Ohh, muß das sein?“ Martin grinste ihn an. „Na also gut, ich bin Rolf.“ „Rolf, was’n das für’n Asi-Name!“ Zwei Mädchen ungefähr im selben Alter wie Rolf, lachte sich kaputt. „ey ihr, wie heißt ihr zwei hübschen denn?“ wollte Martin sogleich wissen. „Kathrin!“ sagte eine. „Janett.“ Sagte die andere. „So heißt meine Schwester auch.“ meinte Martin. „Echt?“ fragte Janett und schaute kugelrund. „Nein! Haha!“ Alle lachten mit Martin. „Doch, klar, Janett. Sorry!“ Janett sah etwas pikiert und beleidigt drein. Das freute Kathrin, denn irgendwie...vielleicht hatte sie jetzt mehr ein Chance bei diesem attraktiven, charmanten und humorvollen Gruppenleiter in spe. Er sah wirklich gut aus, wellige dunkle Haare, grüne Augen, gut gebaut...Sie seufzte. „Der ist echt blöd.“ Flüsterte Janett ihr zu. „Da hast du recht.“ Freudig lächelte Kathrin in sich hinein. „Wollt ihr denn nun was von mir wissen...?“ Martin sah fragend in die Runde. „Hast du eine Freundin?“ entwich es Kathrin. „Das war ja mal wieder typisch Kathrin!“ grölte einer ihrer Kameraden, woraufhin sie beschämt zu Boden sah. Doch Martin grinste nur, und sagte: „Nein, eine Freundin habe ich nicht, weitere interessante Fragen?“ Daraufhin glühte Kathrins Gesicht wieder vor Freude, und die Beleidigung von eben war vergessen. „Wie alt sind sie?“ fragte ein anderes bebrilltes Mädchen, das interessiert schaute. „22.“ „So alt schon?“ Natürlich war es wieder Kathrin, die diese Bemerkung fallenließ. „Naja, also, daß ich 22 bin heißt ja nicht, daß ich schon klinisch tot wäre oder sowas.“ Alle schmunzelten. „Nein, ich dachte ja auch nur -“ Kathrin kam nicht weit. „Was machen wir nächstes Mal?“ wollte Rolf wissen. „Tja, das weiß ich noch nicht, aber ihr könntet mir ja mal sagen, was ihr gerne machen wollt.“ Sagte Martin. „Eis essen gehen.“ „Ins Kino.“ „Schlittschuhlaufen in der Eishalle.“ „Schlafen.“ Kamen die Vorschläge. „Naja, Kino ist wohl ‘n bißchen dröge.“ Meinte Martin. „Aber was haltet ihr...von einem Besuch im Planetarium?“ „Boah, das is cool, da war ich schon öfter.“ Meinte Tim, ein rundlicher Junge von 13 Jahren. „Da liegt man im Dunkeln und guckt Sterne an.“ „Was du nich sagst.“ Kommentierte Kathrin. „Also, hättet ihr Lust?“ „Klar.“ „Sicher!“ „Wird bestimmt witzig!“ kam die Resonanz aus der Runde. „OK, ich werde sehen, ob ich das organisieren kann. Ihr könntet mir alle mal eure Telefonnummern geben, dann mach ich so ‘ne Art Telefonkette, damit ihr wißt, wie es läuft. Oder ich schicke euch ‘nen Zettel zu. Den müßtet ihr dann mitbringen, wegen Erlaubnis der Eltern und so.“ meinte Martin „Am besten schreibt ihr mir eure Adressen auf.“ Er zog einen Zettel und einen Stift aus seiner Tasche, die er bei sich und reichte die Utensilien herum. Nachdem alle auf den Zettel geschrieben hatten, stand Martin auf und sagte: „Tja, und da ich jetzt nichts mehr so geplant hatte, könnten wir ja ein Eis essen gehen...?“ „Jaaa!“ riefen alle begeistert. „Na dann man los!“ „Ich glaube das ist er, mach du mal auf, Christian.“ Rief Anne Spatz aus der Küche, als es am Freitag abend um 20 Uhr an der Tür klingelte. „OK.“ Beschwingten Schrittes, eilte Christian Spatz zur Tür, um sie zu öffnen. Seine Frau hatte recht behalten: Es war Martin, in einem elegant - modernen Anzug und mit einer Flasche Wein in der Hand. „Guten Abend!“ Martin hielt die Flasche hoch. „Ich habe auch was mitgebracht.“ „Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen...“ sagte Christian und nahm die Flasche entgegen. Es war Rotwein. Und das noch teurer italienischer, wie Christian sofort erkannte. „Kommen sie doch bitte herein.“ „Danke.“ Martin ging an ihm vorbei in die Wohnung. Christian witterte den Geruch von Martins Parfum in der Luft. „Sie haben es ja wirklich schön hier.“ Sagte Martin, als er sich die moderne Wohn - und Eßzimmerkombination ansah. „Danke, wir mögen es auch.“ Christian betrachtete Martins Wimpern. Er hatte wirklich unglaublich lange Wimpern! „Das hätte ich jetzt nicht gedacht!“ Martin sah Christian an. Und diese Augen! Diese braunen Augen sprühten ja geradezu vor Temperament! „Was? Oh ja, das war dumm.“ Sagte Christian und lächelte, in der Hoffnung daß...Oh ja, dieses Lächeln, es war so... bezaubernd, so einnehmend, so... „Ach, hallo Herr Loge!“ Anne kam aus der Küche, noch mit der Schürze um den Körper. „Entschuldigen sie bitte die Aufmachung, aber die brauche ich zum Kochen.“ „Sie sehen auch so hinreißend aus.“ Meinte Martin. „Wissen sie, daß sie ein Schmeichler sind?“ Anne lachte. „Es ist die reine Wahrheit.“ Meinte Martin. „Und wo ist der kleine Markus?“ „Der ist schon im Bett.“ Klinkte sich Christian in das Gespräch ein. „Im Bett, so so.“ Oh, warum mußte er nur immer so etwas...zweideutiges, anzügliches sagen? „Ja, normalerweise geht er nicht so früh schlafen, aber heute hat er so getobt...“ meinte Anne dazu. „Aber genug geredet, ich glaube, das Essen ist fertig. Wie ich sehe, hast du dich um den Wein schon gekümmert.“ „Naja, den hat Herr Loge mitgebracht.“ Erwiderte Christian mit einem Seitenblick auf Martin. „Ach? Wirklich? Wie nett!“ sagte Anne. „Dann setzt euch doch bitte an den Tisch, ich hole das Essen.“ „Soll ich dir helfen?“ fragte Christian höflich. „Nein, es geht schon, danke Liebling.“ Schon war die Frau des Diakons in der Küche verschwunden. „Genau, setzen wir uns doch.“ Sie nahmen am Eßtisch Platz. „Sie waren am Mittwoch ja doch nicht da.“ Meinte Martin. „Ich dachte, sie wollten vielleicht mal vorbeischauen...“ ‘Ich würde mich freuen’ hallte es Christian auf einmal wieder durch den Kopf. „Oh ja, das habe ich ganz vergessen. Das tut mir leid. Ich schaue nächstes Mal vorbei.“ „Da sind wir im Planetarium, wenn ich noch einen zweiten Fahrer finde.“ Sagte Martin. „Ach, haben sie denn keinen?“ fragte Christian interessiert. „Nein, noch nicht, leider, ich weiß ja auch gar nicht, wen ich fragen soll...“ Mit einem anmutigen Augenaufschlag sah Martin den Diakon an. „Ich würde das gerne übernehmen.“ Sagte Christian wie hypnotisiert. „Wirklich?“ fragte Martin freudig überrascht. „Das wäre wirklich total nett.“ In diesem Moment kam Anne mit dem Essen ins Zimmer: Ente mit Rotkohl und Kroketten. „Ach, ich dachte, du hättest unserem Gast vielleicht schon etwas zu trinken angeboten.“ sagte sie, als sie das Essen auf dem Tisch kredenzte. „Oh, das habe ich ganz vergessen.“ Sagte Christian. „Nicht so schlimm.“ Meinte Martin. „Ich hätte sowieso abgelehnt.“ Sie sahen sich an. „Da fällt mir ein, nennen sie mich ruhig Anne.“ „Gerne, ich heiße Martin, wie sie wissen.“ sagte er auffordernd. „Und mich nennen sie bitte auch Christian,...Martin.“ „Mit dem größten Vergnügen.“ erwiderte der Angesprochene. „Darauf müssen wir anstoßen.“ Sagte Anne. „Machst du bitte den Wein auf, Christian?“ „Natürlich Anne.“ Christian tat wie ihm geheißen. Dann füllte er die Gläser. „Also, auf uns und einen schönen Abend!“ Er lächelte. „Das war wirklich ein tolles Essen, Anne!“ lobte Martin, als die drei ihr Mahl beendet hatten. „Wie bekommt ihr Frauen das nur immer so toll hin?“ fragte Christian seine Frau. „Naturtalent.“ Erwiderte Anne und grinste. „Naja, ich muß jetzt leider auch gehen.“ Sagte Martin nach einer Weile. „Was, jetzt schon?“ fragte Christian mit einem Unterton, der etwas Enttäuschung zum Vorschein brachte. „Ja, leider, ich muß morgen früh noch mal nach Hannover, meine Eltern haben noch ein paar Sachen für mich aufbewahrt, die will ich abholen.“ Erklärte Martin seinen frühen Abgang. „Könnte ich vielleicht von hier aus ein Taxi rufen?“ „Wieso das, ist ihr Wagen kaputt?“ wollte Anne wissen. „Ja, genau das.“ Entgegnete Martin. „Deswegen kann ich ja auch erst morgen nach Hannover, weil mein Auto dann fertig ist. Ich hatte ein paar kleine Probleme mit der Zündung und so. Und wie das nun mal ist, wenn man sein Auto am Freitag in die Werkstatt bringt...“ „Aber ich bringe sie doch gerne nach Hause!“ bot sich Christian sofort bereitwillig an. „Aber das kann ich doch nicht annehmen...“ sagte Martin daraufhin. Man konnte ihm fast ansehen, daß er das nicht ernst meinte. Wie konnte er es auch ablehnen, von einem gutaussehenden, netten jungen Mann nach Hause kutschiert zu werden? „Doch, doch, Christian macht das sicher gerne.“ Meinte auch Anne. „Das ist wirklich zu nett von ihnen.“ Sagte Martin und schenkte Christian sein schönstes Lächeln. „Dann fahren wir mal.“ Meinte Christian daraufhin. „Gut, war wirklich nett, sie hier zu haben.“ Anne gab Martin zum Abschied die Hand. „Würde mich freuen, sie bald wiederzusehen.“ „Ganz meinerseits.“ Martin drückte ihre Hand. „Und vielen Dank noch mal.“ „Kommen sie.“ Christian führte Martin im Dunkeln zu seinem Wagen. „Steigen sie ein.“ „Danke.“ Martin stieg in den Kombi ein, den Christian sein eigen nannte. Nachdem auch dieser im Wagen saß, fuhren sie los. Der erste Teil der Fahrt war recht schweigsam, bis auf die Wegbeschreibung von Martin. Christian war auch viel mehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Jetzt erst fiel ihm auf, daß er sich den ganzen Abend lang nur auf Martin konzentriert hatte. Er hatte ja geradezu vor sich hin geschwärmt. Und das verwirrte ihn. „Sie haben wirklich eine tolle Frau.“ Wurde er von Martin aus seinen Gedanken gerissen. „Was? Ach, ja, das habe ich wirklich.“ Christian dachte kurz über den Satz nach. „Sie haben wirklich ein tolle Frau.“ Es stimmte doch, er hatte ein wunderbare Frau, einen bezaubernden Sohn und er liebte beide. Tat er doch oder? Natürlich. Christian lächelte vor sich hin. „Ja, sie ist wirklich toll.“ Schnell hatte er die Gedanken über seine Schwärmerei beiseite geschoben. Darüber war er gar nicht unglücklich. „Und Anne kann sich auch glücklich schätzen, bei so einem Mann wie ihnen.“ Warum sagte Martin bloß immer im unpassendsten Moment die unpassendsten Sachen? Wahrscheinlich dachte er nicht darüber nach, denn woher sollte er wissen, wie es in Christians Kopf gerade in diesem Moment aussah? Er konnte es gar nicht wissen. Also seufzte Christian nur. „Ja, ja.“ Er atmete auf, als Martin endlich auf ein Haus zeigte und sagte: „Dort ist es.“ Christian parkte den Wagen vor dem Haus. „Gut. Dann sehen wir uns ja Mittwoch. Wo treffen wir uns?“ fragte Christian. „Am besten vor dem Jugendheim. Ein Freund von mir leiht uns seinen Van. Er wäre auch gefahren, aber leider...“ Martin lächelte. „Kommen sie um 18 Uhr. Wir sind in der Vorführung um viertel vor sieben. Noch mal vielen Dank, daß sie fahren.“ „Kein Ursache.“ Christian lächelte zurück. „Also dann tschüs!“ Martin stieg aus und schloß die Autotür hinter sich. Christian blieb noch eine Weile im Auto sitzen. Er fuhr erst los, als er im ersten Stock Licht in einem Fenster sah. Am Mittwoch stand Christian um Punkt 18 Uhr vor dem Jugendheim. Viele Jugendlich standen ebenfalls vor dem Gebäude und beäugten ihn mißtrauisch. Da kam zu Christians Erleichterung auch schon Martin, der sagte: „Hallo, schön, daß sie jetzt auch da sind! Los, Leute, wir müssen!“ Er lotste die 15 Jugendlichen ihn die zwei Vans. „Wir haben nur noch 45 Minuten, um nach Wolfsburg und ins Planetarium zu kommen.“ Sagte er noch zu Christian. „Soll ich vorfahren oder wollen sie?“ „Was?“ Christian hatte ihm gar nicht zugehört. Er hatte ihn nur fasziniert angesehen. „Ob ich vorfahren soll!“ wiederholte Martin. „Ja, ja, machen sie mal.“ „Gut, dann los!“ Die beiden stiegen in die Busse und düsten los. Sie hatten Glück, daß wenig Verkehr war und kamen deshalb pünktlich im Planetarium an. Die Vorführung an dem Tag befaßte sich mit Sternzeichen. Alle Jugendlichen waren sehr interessiert und verhielten sich anständig. Deshalb machte Martin nach der Vorstellung einen Vorschlag: „Wie wäre es, wenn wir noch zu Mc Donalds fahren?“ fragte er. Allgemeine Begeisterung für seinen Vorschlag schlug ihm entgegen. „Sie haben doch nichts dagegen?“ wandte er sich noch an Christian. „Natürlich nicht!“ erwiderte er. Christian konnte sich einfach nicht gegen den Charme des jungen Mannes zur Wehr setzen. Sowas war ihm noch nie passiert! Martin war wohl eben etwas ganz besonders. „Hier oder in Braunschweig?“ „Hier.“ Meinte Christian einfach ohne Überlegung. „Gut, also dann, ab dafür!“ Ein halbe Stunde später saßen alle mampfend und glücklich bei Mc Donalds herum. Christian hatte sich einen schönen Ecktisch gesucht und hielt nun nach Martin Ausschau. Nach einer Weile kam dieser auch mit einem Tablett an den Tisch. „Hier, ich habe ihnen etwas mitgebracht, ich hoffe, sie mögen es.“ Martin stellte Christian einen Doppelcheeseburger, eine große Tüte Pommes Frites und eine Cola hin. „Weil sie so nett waren, und mir geholfen haben.“ „Ist doch nicht der Rede wert.“ Meinte Christian daraufhin. „Danke dafür.“ Die beiden aßen so vor sich hin, bis Martin fragte: „Darf ich ihnen mal eine Frage stellen?“ „Sicher, nur zu.“ Christian schlürfte seine Cola. „Ich hoffe, sie denken jetzt nicht, ich spinne, aber ich möchte wissen, wie sie den Typen dahinten finden.“ Diskret deutete Martin auf einen gutaussehenden Mann, der am Tisch gegenüber saß. „Ich würde sie ja nicht fragen, ich weiß ja, daß sie verheiratet sind und sich nicht für Männer interessieren und so weiter, aber ich möchte ihre Meinung wissen.“ Christian sah Martin erstaunt an. War er etwa an diesem Kerl interessiert? Er sah vorsichtig zu dem anderen Tisch hinüber. Na gut, er sah verhältnismäßig gut aus, aber war das denn alles? Aber warum fand er das so ungewöhnlich und irgendwie nicht besonders gut, daß Martin ihn fragte, wie er einen anderen Mann fand. Es war alles sehr verwirrend. „Nun...Er...ist mir nicht so sympathisch.“ Sagte er. Hatte er das wirklich gesagt? Dieser Mann sah doch ganz nett aus? Oder war es möglich, daß Christian nicht wollte, daß Martin diesen Typen gut fand, weil er... Schnell schob Christian diesen Gedanken beiseite, wie immer. „Ja? Finden sie?“ wollte Martin irgendwie enttäuscht wissen. „Naja, ich -“ „War ja auch ‘ne blöde Frage, entschuldigen sie bitte.“ „Nein, nein, ist schon in Ordnung.“ Dieser Gedanke war einfach nicht immer beiseite zu schieben! Christian sah einmal den Tatsachen ins Auge: Er fand Martin sehr nett, mehr sogar. Mehr konnte er sich noch nicht eingestehen. „Nein, wirklich, ich hätte sie nicht fragen sollen.“ Meinte Martin. „Lassen sie uns fahren, ihre Frau wartet sicher schon auf sie.“ Wie kam Martin gerade auf seine Frau? Er dachte wohl, Christian wäre mit den Gedanken immer nur bei ihr und seinem reizenden Sohn. Aber falsch gedacht! „Gut, fahren wir.“ Sagte Christian nichtsdestotrotz. Also kutschierten die beiden die Jugendlichen wieder zurück. Während der Fahrt nach Braunschweig dachte Christian wieder über einiges nach. Er mußte seine Gefühle erst mal ordnen, was gar nicht so leicht war. Was bedeutete Martin für ihn, dieser junge Mann, den er doch erst vor etwas über einer Woche kennengelernt hatte? Er mochte ihn, soviel war klar. Aber was weiter? Das war nicht alles, soviel war sicher. Der Gedanke, daß Martin ihm mehr von Wichtigkeit war als ein normaler Freund? So etwas war ihm vorher noch nie passiert, nicht bei einem Mann. Aber was war so ungewöhnlich daran. Christian fiel ein Sprichwort ein: „Wo die Liebe hinfällt“ Liebe? Nein, konnte das denn sein? Nachdem alle Jugendlichen sich auf den Heimweg gemacht hatten, kam Martin zu Christian. „Sind sie zu Fuß gekommen? Ich bringe sie gerne nach Hause, mein Kumpel wird sich den Van sowieso erst morgen abholen.“ „Ja, das wäre sehr nett.“ Stimmte Christian zu. Die beiden stiegen also wieder in den Van und Martin fuhr bis zu Christian nach Hause. „So, da wären wir.“ sagte er. „Ja...“ Christian überlegte kurz, dann fragte er: „Wollen sie nicht noch kurz mit hoch kommen?“ Martin sah Christian prüfend an. „Ja, warum eigentlich nicht.“ Sagte er dann, ohne genau darüber nachzudenken, warum. Sie stiegen aus und gingen zum Haus. Christian schloß die Haustür auf und trat ein. „Anne?“ Er machte das Licht an und betrat das Wohnzimmer. „Sie scheint nicht da zu sein.“ Meinte Martin, der auch im Wohnzimmer stand. „Ja, scheint so.“ Christian stand eine Weile unentschlossen da. „Ach ja, wollen sie irgend etwas trinken? Ein Glas Wein, irgend etwas?“ fragte er dann. „Nein, danke.“ Nein, danke. Was jetzt? „Dann...setzen sie sich doch wenigstens.“ „OK.“ Martin nahm auf dem Sofa Platz. „Kann...kann ich mit ihnen reden?“ wollte Christian zaghaft wissen. „Sicher, worüber denn?“ Jetzt hatte er den Salat. Worüber denn? Er mußte jetzt die Karten auf den Tisch legen, ohne sie sich sozusagen vorher genau angesehen zu haben. Doch seine Gefühle waren stärker als sein Verstand, der immer noch nicht so ganz verstehen wollte, was Sache war. Er faßte sich dennoch ein Herz. Doch zuerst mußte er sich setzen, falls er mittendrin ohnmächtig wurde oder sowas. Also setzte er sich neben Martin. „Ich...muß ihnen etwas sagen...“ „Dann sagen sie es doch.“ Ermunterte Martin ihn. „Das...ist nicht so leicht...“ Christian suchte nach den passenden Worten. „Gut, ich habe mich in sie...verliebt.“ Martins Augen weiteten sich. „Was?“ „Ja, ich kann es nicht anders erklären, ich habe mich in sie verliebt.“ Wenigstens war es jetzt heraus. „Ich...sie müssen sich irren. Denken sie mal nach, sie haben eine tolle Frau, einen Sohn, alles. Sie müssen sich irren.“ Martin schüttelte beständig den Kopf. „Sie können mir nicht sagen, wie meine Gefühle sind, ich kann doch auch nichts dafür.“ Meinte Christian hilflos. Martin sah ihn eine Zeitlang schweigend an. „Und was denken sie sich jetzt?“ Christian wollte etwas sagen, doch Martin kam ihm zuvor. „Hören sie zu, sie sind verheiratet und haben ein Kind, was denken sie, was sie damit erreichen, wenn sie mir das sagen? Es bringt ihnen doch sozusagen gar nichts. Ich weiß es jetzt, na und? Sie müssen ihr Leben so weiterleben wie vorher und ich meines auch oder wie hatten sie sich das vorgestellt?“ Christian zuckte nur kraftlos mit den Schultern. „Ach, ich verstehe, sie haben wahrscheinlich gar nicht darüber nachgedacht. Sie haben, wie man so schön sagt, auf ihr Herz gehört. Na toll.“ Martin sah an die Decke. „Ich...weiß ja auch nicht, was ich jetzt tun soll -“ setzte Christian an. „Sie haben doch nur eine Wahl!“ unterbrach Martin ihn. „Vergessen sie mich und leben sie ihr Leben weiter.“ Martin stand auf. „Ich werde jetzt gehen.“ „Nein! Geh nich, bitte...“ Christian sprang auf und hielt ihn am Arm fest. „Doch, ich werde gehen.“ Martin schüttelte Christian leicht ab und drehte sich um, doch Christian riß ihn am Ärmel herum und zog ihn an sich. Und ohne nachzudenken, küßte er Martin, da er keine andere Möglichkeit sah, ihn am Gehen zu hindern. Plötzlich knackte es im Schloß der Haustür. Martin stieß Christian von sich und sah ihn empört an. Da trat auch schon Anne Spatz in das Zimmer. „Ihr seid wieder da? Hallo Martin!“ „Hallo.“ Sagte Martin nur, während er Christian weiter wütend ansah. „Ich muß jetzt auch gehen.“ Fügte er hinzu, kälter als ein Gletscher es je sein könnte. „Warte...warten sie, ich bringe sie noch zur Tür.“ sagte Christian schnell. „Ich finde den Weg schon alleine.“ Martin funkelte Christian mit seinen dunklen Augen an. „Auf Wiedersehen, Anne.“ Mit diesen Worten verließ Martin das Zimmer. „Auf Wiedersehen, Martin?!“ Anne sah ihm verwundert nach. „Was ist denn mit dem los?“ Diese Frage hatte sie an ihren Mann gerichtet, doch der war bereits im Schlafzimmer verschwunden. In der folgenden Nacht konnte Christian nicht schlafen. Erstens weil er dauernd daran denken mußte, was Martin jetzt wohl von ihm halten würde. Eins war sicher, er war sauer. Zweitens hatte er irgendwie ein schlechtes Gewissen Anne gegenüber, einmal wegen des Kusses und zum anderen wegen seinen Gefühlen. Und drittens war er völlig verwirrt, was seine Gefühle betraf. Eigentlich waren es doch eher seine Gedanken über Moral, Anstand und so weiter, die ihm diese schlaflose Nacht bereiteten. Er mußte dennoch immer wieder an den Kuß denken, der zwar erzwungen, aber trotzdem...schön gewesen war. Das Martin sich so gesträubt hatte, hatte die Sache nur noch interessanter gemacht. Martin wußte wohl einfach nicht, was er für eine Anziehung auf ihn auswirkte. Aber trotzdem war es falsch! Wieder wälzte sich Christian herum. Er war ein verheirateter Mann mit Kind und heterosexuell noch dazu! Das hatte er jedenfalls bis vor einigen Stunden noch gedacht. Aber gefühlt hatte er etwas ganz anderes. Da war sie wieder, diese Sache mit Verstand und Gefühl. Wer von den beiden würde den Kampf gewinnen? Christians Verstand sagte ihm, daß es falsch war, aber die Gefühle waren an diesem Abend einfach stärker gewesen. Und die sagten ihm immer fort: Nimm ihn dir, du willst ihn doch! Christian zog die Augenbrauen zusammen. Er wurde auch das Gedanken nicht los, daß er nichts als ein schäbiger Lügner war. Am nächsten Morgen fand Christian nur schwer aus dem Bett. Es war einer der Tage, an dem man besser in der Falle bleibt, dachte er noch. Außerdem hatte er Kopfschmerzen, vom vielen nachdenken. Und dabei war noch nicht einmal viel herausgekommen. Nur, daß er Martin unbedingt wiedersehen wollte, trotz seiner Gewissensbisse. Nur wie sollte er an ihn herankommen? Martins Reaktion von gestern war ziemlich eindeutig gewesen. Aber vielleicht mochte er es nur nicht, überrumpelt zu werden. Christian grübelte also, wie er sich ihm wieder annähern konnte, denn das wollte er unbedingt. Er kam zu dem Schluß, daß die Flucht nach vorn die beste Möglichkeit war. Er mußte ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Dies tat er auch, nachdem er einmal im Gemeindehaus vorbeigeschaut hatte. Denn trotz seiner Probleme, gab es noch seine Arbeit. Und bald hatte er wieder die Aufgabe, die Vorkonfirmanden zu unterrichten, obwohl ihm im Moment gar nicht danach zumute war. Martin war ihm wichtiger. Und deswegen stand er auch am frühen Nachmittag mit Herzklopfen vor Martins Wohnungstür und wartete, daß Martin auf sein Klingeln reagierte. Nach einer Weile öffnete Martin die Tür und sah Christian. Sein Gesichtsausdruck wurde starr. „Was wollen sie?“ „Mit dir reden.“ Sagte Christian, so wie er es ja auch vorhatte. „Ich wüßte nicht, worüber wir zu reden hätten.“ Martin wollte die Tür schließen, doch Christian drückte gegen sie. „Bitte.“ Er sah Martin in die Augen. Martin erwiderte kurz den Blick. Dann hielt er die Tür auf. „Danke.“ Christian ging an Martin vorbei in die Wohnung. Martin starrte kurz auf den Flur vor seiner Wohnungstür, bevor er die Tür schloß. „Darf ich mich setzen?“ fragte Christian. Martin antwortete mit einem bejahenden Achselzucken. Christian nahm in einem Sessel Platz. Er sah sich in der Wohnung um. Sie war modern, aber dennoch gemütlich eingerichtet. Er fühlte sich in ihr geborgen und irgendwie...sicher. „Schöne Wohnung hast du.“ Sagte er deswegen. „Ich glaube nicht, daß sie hier sind, um mit mir über meine Wohnung zu reden.“ Sagte Martin steif, immer noch ausdrücklich mit dem ‘Sie’ in der Anrede. „Nein, du...sie haben recht.“ Christian räusperte sich. „Ich...ich wollte mich wegen gestern entschuldigen.“ Martin zog die Augenbrauen hoch. „Ist das alles?“ „Nein, ...natürlich nicht.“ Christian sah zu Boden, dann wieder in Martins Augen. „Ich...wollte dich wiedersehen.“ Martin schlug die Augenlider nieder, ohne etwas zu erwidern. „Das...habe ich mir gedacht.“ Sagte er dann doch. Er gewährte Christian wieder einen Blick in seine dunklen Augen. „Und das stört dich...sie nicht?“ „Jetzt können wir uns auch duzen.“ Meinte Martin. „Wen sollte es stören? Ich meine, sieh doch:“ Martin kam zu Christian, hob dessen Hand und berührte den Ehering an seinem Ringfinger. „Du siehst es doch?“ Christian nickte. Es kribbelte in seinem Körper ob Martins Berührung. „Was denkst du, würde deine Frau dazu sagen?“ Christian hob die Schultern. „Sie wäre nicht begeistert.“ Erst jetzt ließ Martin Christians Hand wieder langsam los. „Das von gestern war wirklich dumm von dir. Du hast wie immer nicht nachgedacht.“ „Aber ich mußte es tun!“ entwich es Christian. „Ich wollte nicht, daß du gehst.“ „Und, hat es dir etwas gebracht? Nein.“ Martin lächelte. „Doch.“ Sagte Christian fest. „Ich...habe dich gespürt.“ Martin sah Christian in die blauen Augen. „Es...ist besser, wenn du jetzt gehst.“ Sagte er, nachdem er verstanden hatte, was Christians Blick aussagte. „Das willst du nicht, oder?“ Christian sah zu Martin hoch, der vor ihm stand. „Ich habe keine Wahl.“ Meinte Martin. „Also bitte...“ Er stockte, sein Blick fiel auf Christians Hand, die seine faßte. „Geh jetzt...“ Sein Atem ging schneller. „Und was ist, wenn ich nicht gehe?“ Martin antwortete nicht. Das genügte Christian. Behutsam zog er Martin an sich und legte die Arme um seine Hüfte. Martin sah auf Christian herab und fuhr ihm durch die Haare. Christian lehnte seinen Kopf an Martins Körper. Einen Augenblick lang, der Christian vorkam wie eine Ewigkeit, verharrten sie so. Dann löste sich Martin vorsichtig von ihm. „Dann muß ich dich leider noch einmal rausbitten.“ Martin deutete auf die Tür. Christian stand auf. Er kam Martin näher, bis er seinen Atem spüren konnte. „Bitte mich nicht, zu gehen.“ Er umfaßte ihn. „Bitte mich lieber, zu bleiben.“ Langsam näherte sein Gesicht sich dem Martins. Der schloß die Augen. Christian sah ihn mit zärtlichem Ausdruck an, dann küßte er ihn. Diesmal wehrte sich Martin nicht, so daß Christian seine Lippen genau spüren konnte. Der legte die Arme um Christians Hals. Er drückte Martin fester an sich. Der schob Christian dennoch sanft von sich. Fragend sah Christian ihn an. Ohne etwas zu erwidern, ging Martin durch eine Tür in ein anderes Zimmer. Eine Weile zögerte Christian noch, dann folgte er ihm in den Raum, das Schlafzimmer. Martin stand in geduldiger Erwartung vor dem Bett. Sie standen sich gegenüber. „Was jetzt?“ brach Christian das Schweigen. „Das...liegt bei dir.“ antwortete Martin kaum hörbar. „Du kannst mich haben, wenn du mich willst.“ Länger wartete Christian nicht. Er ging auf Martin zu und nahm ihn wieder fest ihn die Arme, bevor die beiden auf das Bett sanken. Da war sie endlich, die ersehnte Berührung. Christian spürte Martins heißes Gesicht, seinen schnellen Atem, einfach alles von seinem Körper, als sie miteinander schliefen. Christian sah in Martins schimmernde Augen, als er neben ihm lag. Sein Körper war naß und glänzend vor Schweiß. Es war einfach wunderschön, ihn anzusehen. „Du bist so...so hübsch, so...begehrenswert.“ Martin lächelte. „Jemanden begehren heißt nicht, ihn auch zu lieben.“ „Aber ich liebe dich.“ Christian küßte Martin, als ob er ihm die Wahrheit seiner Aussage beweisen wollte. Martin strich über Christians warmes Gesicht und erwiderte seinen Kuß. Dann richtete er sich auf. „Was willst du machen?“ wollte Christian wissen. „Aufstehen.“ Meinte Martin. „Aber wieso?“ fragte Christian weiter. „Schau mal auf die Uhr.“ Christian sah auf den Wecker neben Martins Bett. Der zeigte kurz nach drei. „Fünf nach drei, na und?“ „Solltest du nicht langsam nach Hause gehen?“ Martin sah Christian fragend an. Der überlegte. „Ja, vielleicht sollte ich das, aber ich will nicht.“ „Hm, hm!“ Martin zog Christian die Bettdecke weg. „Es ist mir ernst! Das wir Sex hatten, bedeutet nicht, daß deine Frau verschwindet. Außerdem...wir hätten es nicht tun sollen.“ Plötzliche Reue empfindend drehte Martin sich um. „Tut es dir leid, daß wir miteinander geschlafen haben?“ fragte Christian und holte tief Luft. „Nein...Ja...ich weiß nicht.“ Beschämt blickte er zu Boden. „Ich fühle mich jetzt einfach schlecht. Irgendwie...verdorben. Wer weiß, was wir alles damit kaputt gemacht haben, was für einen Stein wir damit ins Rollen gebracht haben.“ Martin setzte sich wieder auf das Bett. „Wir...sollten es bei diesem einen Mal belassen.“ „Das meinst du nicht ernst.“ Sagte Christian etwas aus der Fassung. „Doch. Irgendwie schon. Ich will deine Ehe nicht kaputtmachen.“ „Aha, darum geht es also.“ Wütend erhob sich Christian aus dem Bett. „Du bist es doch nicht. Letzten Endes war es doch meine Entscheidung.“ „Aber ich war der Grund!“ Mit leicht verzweifeltem Blick schaute er Christian an. „Ich weiß, was ich tue.“ Sagte Christian fest überzeugt. „Ich will nur nicht später schuld sein. Wer würde denn deiner Meinung nach die Schuld bekommen, falls das hier rauskommt? Du bestimmt nicht. Du könntest dich leicht herausreden, es würden ja eh alle glauben, ich, der böse Schwule, habe dich verführt, den liebenden Ehemann und Vater, der völlig unschuldig ist.“ meinte Martin in Rage. „Glaubst du das wirklich?“ rief Christian sauer. „Erstens wird es nicht rauskommen, und zweitens würde ich so etwas niemals erzählen, weil ich dich liebe, wie niemand anderen sonst.“ Christian nahm seine Sachen und stürmte aus dem Zimmer. Martin betrat das Wohnzimmer, als Christian sich gerade fertig angezogen hatte. „Es...es tut mir leid.“ Sagte Martin. „Ich hätte das vorhin nicht sagen sollen.“ Christian sah auf. Martins Anblick wirkte wieder so anziehend, daß Christian ihm nicht böse sein konnte. Er wollte ihn, genauso wie zuvor. Er stand auf. „Ja, du hast recht.“ Sagte er trotzdem nur. Er konnte sich aber nicht zurückhalten, er mußte Martin einfach küssen. Am liebsten hätte er gleich wieder mit ihm geschlafen, doch Martin schubste ihn auf sein Sofa. „Gut.“ Er lächelte überlegen. Christian erhob sich erneut, um diesmal zur Tür zu gehen. „Ich bin morgen im Gemeindehaus, was vorbereiten, vielleicht sehen wir uns. Und...Komm doch morgen Abend vorbei, wenn du kannst.“ Sagte Martin. Christian lächelte. Das hatte er gewollt. Er küßte Martin noch einmal lange und zärtlich, bevor er ging. „Wo warst du denn so lange?“ fragte Anne Spatz ihren Mann, als der zur Haustür hineinkam. „Im Gemeindehaus.“ Erwiderte der. „Ich mußte noch etwas klären, wegen den Vorkonfirmanden. Und dann war ich noch bei Martin.“ Fügte er wahrheitsgemäß hinzu. „Ja? Wieso?“ Anne stellte eine Kanne Kaffe und zwei Tassen auf den Eßtisch. „Nur so.“ meinte Christian. „Er ist wirklich nett.“ Sagte Anne. „Wir sollten uns wirklich öfter mit ihm treffen. Und falls er irgendwann ml eine Freundin hat, können wir vielleicht zusammen Doppelkopf spielen. Seit Lackmeiers weggezogen sind, haben wir nicht mehr gespielt.“ „Eine gute Idee.“ meinte Christian. „Ich glaube, er hat da mal etwas von einer Freundin erzählt. Ich gehe morgen Abend mal bei ihm vorbei und rede mit ihm darüber.“ Anne nickte. „Du kannst ihn auch mal so wieder mitbringen. Irgendwie bin ich gerne in seiner Gesellschaft.“ „Werd nicht schwach, Anne.“ Christian lächelte in sich hinein. „Ach was.“ Anne grinste. „Und wenn doch, dann wirst du’s gar nicht erfahren.“ „Wie beruhigend.“ sagte Christian. „Wollen wir Kaffee trinken?“ „Eigentlich... habe ich mehr Lust auf was anderes.“ Anne ging auf ihren Mann zu. „Markus ist im Kindergarten...wir sind also ganz allein...“ Sie küßte Christian. Es war für ihn, als würde ihn seine Schwester küssen. Ihm war klar, was seine Frau wollte. Er wollte schon sagen, daß er nicht in Stimmung sei, da fiel ihm ein, daß sie es dann wohl noch am ehesten bemerken würde, daß etwas nicht stimmte. Schließlich war er bisher immer sehr leidenschaftlich in Bezug auf Sex mit seiner Frau gewesen, bis Martin gekommen war. Also sagte er lieber: „Gut, warum nicht.“ Er hob sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer. „Du warst ja letzte Nacht richtig stürmisch.“ sagte Anne zu Christian, als die beiden am nächsten Morgen am Frühstückstisch saßen. „Ja, ich war halt gut drauf.“ Erwiderte Christian und trank einen Schluck Kaffee. Aber wahrscheinlich lag es doch daran, daß er die ganze Zeit an Martin gedacht hatte, letzte Nacht. „Ich muß auch bald los.“ „Papa, Papa!“ Markus kam auf seinen Vater zugerannt. „Na, mein Kleiner?“ Christian wuschelte ihm durch die Haare. „Hast du gut geschlafen?“ „Ja. Darf ich heute bei Daniel übernachten?“ „Nanu! Du willst doch sonst nie von Zuhause weg!“ wunderte sich Anne. „Doch. Jetzt will ich zu Daniel.“ Meinte Markus. „Also gut, ich bringe dich nach dem Kindergarten vorbei.“ Stimmte seine Mutter zu. „Oh toll!“ Markus sprang im Wohnzimmer herum. „Gut, meine Lieben, ich geh jetzt mal.“ Christian stand vom Tisch auf. „Ich esse irgendwo in der Stadt. Ich komme heute Abend irgendwann wieder.“ Er küßte Anne noch auf die Wange, dann verließ er die Wohnung. Als er am Gemeindehaus ankam, sah er zu seiner Freude schon Martins Wagen auf dem Parkplatz stehen. Mit schnellen Schritten betrat er das Gebäude. Er hörte aus Pastor Hallmanns Büro Martins Stimme, im Wechsel mit der des Pastors. Er klopfte also an die Tür und trat ein. Drinnen stand Martin am Kopierer und unterhielt sich, wie schon von draußen gehört, mit Uwe Hallmann. „Ach, guten Morgen, Christian.“ Sagte Uwe Hallmann. „Hallo.“ Erwiderte der Angesprochene. Martin nickte ihm lächelnd zu. „Hallo, Herr Spatz.“ „Martin hat mir gerade von ihrem Besuch im Planetarium erzählt.“ Sagte der Pastor. „Ja, es war wirklich gut.“ Meinte Christian, während er Martin beim Kopieren beobachtete. „Es ist gut, wenn dir Jugendgruppe wieder zum Laufen kommt.“ Meinte Uwe. Da betrat eine Frau, die Sekretärin des Pastors, das Zimmer. „Herr Hallmann? Die Jahns sind da, zum Taufgespräch.“ Sagte sie. „OK, Frau Meier, ich komme.“ Er stand von dem Stuhl auf, auf dem er eben noch gesessen hatte. „Wenn sie fertig sind, sagen sie Frau Meier Bescheid, daß sie abschließt.“ „Klar.“ Meinte Martin. Dann verließ der Pastor sein Büro. „Na, wie geht es dir?“ fragte Christian. „Recht gut, und dir?“ „Ebenso.“ Christian sah Martin verliebt an. „Du bist ja da.“ Martin erwiderte nichts. Er lächelte nur. „Willst du heute mit mir in der Stadt was essen gehen?“ fragte Christian deswegen. „Hat Anne da nichts dagegen?“ Martin lehnte sich an den Kopierer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, im Gegenteil. Sie mag dich ziemlich gerne.“ Antwortete Christian ihm. „OK, dann kein Problem.“ Martin nickte. „Wohin wolltest du gehen?“ „Ich weiß noch nicht. Irgendwo in der Stadt halt.“ Entgegnete Christian. „OK, treffen wir uns am Parkplatz. Um 12 Uhr?“ wollte Martin wissen. „In Ordnung, 12 Uhr.“ Martin stapelte sein Papier. Als er an Christian vorbeigehen wollte, hielt der ihn fest. „Es bleibt doch bei heute Abend?“ Martins Augen blitzten kurz auf. Dann blinzelte er. „Sicher, wenn du willst.“ „Gar keine Frage.“ Christian sah ihn von oben bis unten an. Dann ging Martin aus dem Raum. „Dieser Italiener ist auch nicht mehr das, was er mal war.“ Meinte Christian, als Martin und er aus dem Restaurant „Da Bruno“ kamen. „Ich fand es gar nicht schlecht.“ Meinte Martin hingegen. „Du warst ja wahrscheinlich früher auch noch nie hier.“ „Das ist richtig.“ „Was hältst du noch von einem Eis bei Tiziano im City Point?“ fragte Christian. „OK, dagegen hätte ich nichts einzuwenden. Wenn du bezahlst.“ Martin grinste. Die beiden gingen also in die Innenstadt, um bei Tiziano ein Eis zu essen. Sie setzten sich nach draußen, um die Leute anzusehen, die am City Point vorbeigingen. Man mußte ja auch die letzten warmen Herbsttage nutzen. Also löffelten die beiden ihr hausgemachtes, italienisches Eis und beobachteten die Menschen, die vorbeieilten. „Was hast du heute noch so vor?“ fragte Christian. „Nicht viel.“ erwiderte Martin und schob sich noch einen Löffel Joghurteis in den Mund. „Ich geh wohl nach Hause und ruh mich ein wenig aus.“ „Ich hab...auch nichts mehr besonderes vor...ich könnte doch mit zu dir -“ Martin schüttelte den Kopf. „Sieben Uhr ist ausgemacht.“ Er sah ihn mit einem frechen Ausdruck an. „Wir wollen es nicht übertreiben.“ „OK.“ Meinte Christian, mit etwas Enttäuschung in seiner Stimme. „Vorfreude ist die schönste Freude.“ Munterte Martin ihn auf. „Da bin ich mir nicht so sicher.“ Christian sah Martin lange an. „Hey, Christian, nett, dich hier zu treffen.“ Die beiden sahen auf. Vor ihnen stand Peter Folke, in dem Martin einen der Finanzausschußler wiedererkannte. „Was machst du hier?“ „Eis essen.“ Erwiderte Christian kurz. „Sag mal, kommst du heute Abend auch? Wir machen eine kleine Skatrunde im Gemeindehaus.“ Peter wandte sich auch an Martin. „Sie können natürlich auch kommen.“ „Skat ist nicht mein Ding.“ Entgegnete Martin. „Ich spiele lieber andere Sachen.“ Er warf einen Seitenblick auf Christian, der sich ein Lächeln verkniff. „Nein, ich kann nicht.“ Sagte er dann zu Peter. „Oh, wirklich schade. Hast wohl was besseres vor, was?“ „Das kann man sagen.“ Erwiderte Christian bedeutungsvoll. „Laß mich raten, romantischer Abend mit Anne?“ Peter grinste. „So ähnlich.“ Christian blinzelte in die Herbstsonne. „Na gut, dann...sehen wir uns sicher bald. Auf Wiedersehen.“ „Tschüs.“ Sagte Christian und sah Peter nach, der im Gewühl der Leute in der Stadt verschwand. „Blödmann.“ Grummelte er. „Ach, der ist bestimmt ganz nett.“ Meinte Martin. „Wie ist das gemeint?“ wollte Christian wissen. „Ach, nur so.“ Plötzlich standen zwei Mädchen vor den beiden am Tisch. Martin erkannte Kathrin und Janett aus der Jugendgruppe. „Hallo Martin!“ sagte Kathrin lächelnd. „Na, wie hat es euch am Mittwoch gefallen?“ fragte Martin. „Total gut.“ Erwiderte Janett. „Was machen wir nächsten Mittwoch?“ „Ich weiß noch nicht.“ Martin zuckte mit den Schultern. „Ich überleg mir was gutes, OK?“ Die beiden Mädchen nickten. „Also, bis dann.“ Sie entfernten sich wieder vom Tisch. „Ich glaube, die beiden mögen dich.“ vermutete Christian. „Kann schon sein. Macht aber nichts.“ erwiderte Martin. „Ich will dann mal gehen.“ Er stand auf. „Wir sehen uns ja noch.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er den Tisch und ließ Christian alleine sitzen. Christian sah ihm verwundert nach. Manchmal war er ihm wirklich ein Rätsel. Es war Christian ziemlich schwer gefallen, sich die Zeit bis um 19 Uhr zu vertreiben. Er bereitete alle Mögliche vor, räumte sogar sein Büro radikal auf, aber das beschäftigte ihn auch nur zwei Stunden. Dann, endlich, war die Stunde gekommen, in der sie sich wiedersahen, Martin und er. Christian fuhr zu seiner Wohnung und klingelte an der Tür. Aufgeregt trat er von einem Fuß auf den anderen, bis Martin endlich öffnete und er eintreten konnte. Er sah an Martin herunter. Er trug nur ein langes, kariertes Holzfällerhemd. Auch das stand ihm gut. „Da bist du also.“ Martin lächelte. „Ja, endlich.“ Christian erwiderte das Lächeln. Er trat auf ihn zu und nahm ihn die Arme. „Du glaubst gar nicht, wie ich mich danach gesehnt habe.“ Sagte er. „Wonach riechst du?“ fragte er. „Obsession.“ antwortete Martin. „Es ist toll.“ Meinte Christian. „Ich wußte, daß es dir gefällt.“ „Gehen wir?“ fragte Christian. „Wohin denn?“ wollte Martin scheinheilig wissen. „In dein Schlafzimmer.“ „Was wollen wir denn da?“ Martin ließ sich von Christian in den Raum mit dem Bett schieben. „das wirst du schon sehen.“ Christian drückte Martin auf das Bett. „Bin ich dir auch nicht zu schwer?“ wollte er von Martin wissen, der unter ihm lag. „So schwach bin ich nun auch wieder nicht.“ Meinte der. Er ließ sich küssen. Christian öffnete langsam die Knöpfe von Martins Hemd. „Verrat mir mal, was das werden soll...“ Christian antwortete nicht. Er sah Martin nur lange in die Augen. Dann küßten sie sich und als ihre Zungen sich zum ersten Mal berührten, ging ein Kribbeln durch Christians Körper. Martins Atem wurde wilder. „Laß mich nicht länger warten.“ Flüsterte er. „Schlaf mit mir.“ Christian konnte die Erregung in seiner Stimme nicht überhören. Es tat seiner Leidenschaft keinen Abbruch, daß Martin ihn darum bat. Er liebkoste zärtlich seinen Körper. „Bitte...“ sagte Martin leise. Endlich kam Christian seinem Wunsch nach. „Magst du mich?“ fragte Martin Christian, als sie erschöpft nebeneinander lagen. „Ob ich dich mag?“ Christian beugte sich über seinen jungen Liebhaber. „Ich liebe dich.“ Er küßte ihn. „Ich frage mich, wie ich jemals wieder von dir loskommen soll.“ Er kuschelte sich wieder in die Kissen. „Ich bin dir einfach hoffnungslos verfallen.“ „Ehrlich?“ Martin stützte seinen Kopf auf die Hand. „Ich würde es sonst nicht sagen.“ Christian starrte an die Zimmerdecke. „Wie soll es jetzt weitergehen?“ wollte Martin wissen. „Wie meinst du das?“ Christian sah ihn fragend an. „Naja, mit uns und so weiter.“ „Das wir uns wiedersehen ist doch klar oder?“ fragte Christian. „Ich meine so wie jetzt.“ Martin setzte sich auf. „Denkst du nicht, daß Anne das merkt?“ „Denk doch nicht immer an Anne!“ sagte Christian und zog Martin wieder zu sich herunter. „Sie mag dich. Sie denkt, wir sind gute Freunde.“ Martin seufzte und legte seinen Kopf auf Christians Brust. „Es ist ganz schön kompliziert, mit einem verheirateten Mann eine Beziehung zu haben, wenn man die Frau mag und umgekehrt.“ „Wieso? Besser kann es doch gar nicht sein.“ Meinte Christian zuversichtlich. „Sie will übrigens, daß du mal mit ‘deiner Freundin’ zu uns zum Doppelkopf vorbeikommst.“ „Ach ja?“ Martin legte sich auf ihn und küßte ihn. „Und was soll ich ihr sagen, wenn ich alleine auftauche? ‘Entschuldigung, meine Freundin liegt neben ihnen im Ehebett’?“ „Nein, ich glaube nicht.“ Christian strich Martin die Haare aus dem Gesicht. „Es ist schon spät, du solltest jetzt gehen.“ Martin wies mit dem Kopf auf den Wecker, der zehn vor neun zeigte. „Sag doch nicht immer, ich soll gehen.“ Christian brachte Martin durch eine seitlich Rolle unter sich. „Ich habe meiner lieben Frau gesagt, ich komme irgendwann heute abend. Sie sitzt bestimmt auf dem Sofa und guckt irgendeinen schmalzigen Film im Fernsehen.“ „OK, sagen wir, bis halb zehn.“ Meinte Martin. Seine Lippen berührten Christians Mund. „Angenommen, aber diese Zeit müssen wir doch nutzen!“ Christian zog den beiden die Bettdecke über den Kopf. Christian drehte den Schlüssel im Schloß herum und öffnete die Tür zu seinem Haus. Er betrat gleich das Wohnzimmer. Es war so, wie er zu Martin gesagt hatte: Anne lag friedlich auf dem Sofa und sah fern. „Hallo, na, was guckst du?“ fragte er und küßte seine Frau. „Bist du auch wieder da?“ Sie streckte sich. „Ach, ich weiß nicht, wie der Film heißt. Irgendein Schmachtfetzen mit Humphrey Bogart.“ Sie sah ihren Mann an. „Du siehst so...kaputt aus. War’s anstrengend bei der Arbeit?“ „Ja, ziemlich.“ erwiderte Christian. „Deshalb gehe ich jetzt auch schlafen.“ Christian drehte sich um, um ins Schlafzimmer zu gehen. „Ehe ich’s vergesse, kannst du Markus morgen Abend von Daniel abholen?“ fragte Anne. „Er wollte unbedingt bis morgen Abend bleiben.“ „Muß das sein?“ Christian zog die Augenbrauen hoch. „Kannst du das nicht machen?“ „Würde ich, aber ich bin morgen Abend nicht da.“ Erwiderte seine Frau. „Ach?“ Christian sah sie an. „Wo bist du denn?“ „Frau Ziemann aus dem Büro hat Geburtstag und feiert. Es ist etwas außerhalb, sie hat mir angeboten, bei ihr zu übernachten, aber ich kann euch beide doch nicht allein lassen.“ Meinte Anne. „Moment, wieso denn nicht?“ Christian witterte seine Chance. „Naja, ich dachte nur, du willst das nicht, deswegen - “ „Ach, wie kommst du denn darauf!“ unterbrach Christian sie. „Ich komme ganz gut alleine zurecht. Und vielleicht will Markus ja auch bei Oma bleiben über Nacht, dann kann ich mit Peter und den anderen einen Skatabend machen.“ „Ach so!“ Anne grinste. „Darauf läuft das ganze also hinaus. OK, wenn du meinst. Wenn Markus auch bei Oma schlafen will, na gut.“ Christian lächelte erfreut. „Das...ist toll. Wann kommst du denn wieder, am Sonntag, meine ich.“ „Zum Gottesdienst werde ich wohl nicht kommen können.“ Meinte sie. „So um 11, schätze ich.“ Christian nickte zustimmend. „Gut, ich geh dann mal ins Bett. Gute Nacht, Schatz.“ „Ich will aber nicht bei Oma schlafen!“ Trotzig stampfte Markus mit dem Fuß auf. „Aber wieso denn nicht?“ Christian hockte sich vor seinen Sohn. „Es ist blöd da.“ „Was redest du denn da, du bist doch immer gerne da!“ „Jetzt aber nicht!“ Markus zog beleidigt eine Schnute. Christian mußte sich schon was einfallen lassen. „Hör zu, wenn du heute bei Oma übernachtest, dann gehe ich mit dir morgen ins Kino.“ „Wirklich?“ fragte Markus wieder etwas versöhnt. „Ja, ja, und auch ein Eis essen, aber nur, wenn du bei Oma -“ „Au ja!“ Markus fiel seinem Vater um den Hals. „Sehr gut, dann mal los. Mama bringt dich vorbei.“ Da betrat ‘Mama’ auch schon das Wohnzimmer. „Na, alles klar?“ „Papa geht morgen mit mir ins Kino!“ Rief Markus und lief auf Anne zu. „Wirklich?“ Sie hob ihn hoch. „Ja, ich dachte, das habe ich schon lange nicht mehr gemacht.“ Erklärte Christian. „Gut, ich werde dann mal gehen. Hast du deine Sachen?“ Markus nickte. „Gut. Grüß Peter und die anderen von mir.“ Anne küßte ihren Mann. „Mach’s gut und viel Spaß.“ „Dir auch.“ Christian sah Anne nach, als sie aus der Tür ging, mit Markus an der Hand. Dann wartete er nicht länger, er griff zum Telefonhörer und rief Martin an. Nach schier einer Ewigkeit, nahm Martin ab. „Martin? Hier ist Christian.“ „Hey, nett, daß du anrufst. Was ist los?“ hörte er ihn sagen. „Kann ich vorbeikommen?“ wollte Christian wissen. „Ja, weißt du, das kommt jetzt aber etwas plötzlich.“ Sagte Martin. „Wieso? Kannst du nicht?“ Christian drehte besorgt am Telefonkabel. „Nein, nein, aber was ist mit Anne und -“ wollte Martin fragen. „Das ist geregelt.“ Erwiderte Christian. „OK, dann komm in einer halben Stunde vorbei.“ Christian lächelte. „Ja, mach ich.“ „Bis dann.“ Es knackte in der Leitung und er legte auf. Er konnte es nicht erwarten. Genau eine halbe Stunde nach dem Telefonat stand Christian vor Martins Tür. Martin öffnete wie immer. „Komm rein.“ Christian trat ein und schloß die Tür. In Martins Wohnzimmer war alles dunkel, nur Kerzen erleuchteten den Raum. „Wow.“ brachte Christian nur heraus. Leise Musik lief im Hintergrund. „Hast du schon gegessen?“ fragte Martin. „Nein, wieso?“ „Ich habe uns ‘ne Pizza in den Ofen geschoben.“ „Ich bin aber gar nicht hungrig...“ Christian zog Martin n sich und wollte ihn küssen, doch der wand sich schnell aus der Umarmung. „Oh, nein mein Freund! Jetzt wird gegessen!“ Martin verschwand in der Küche und kam mir der Pizza wieder, die er auf den Tisch stellte. „Setz dich.“ Widerwillig folgte Christian dieser Anweisung. „Iß.“ befahl Martin. „Na gut.“ Christian nah ein Stück von der Pizza und steckte es in den Mund. Sie schmeckte ziemlich gut. Dennoch kam bei ihm kein richtiger Hunger auf. „Ich hab doch Appetit auf was ganz anderes...“ sagte er. „Hör mal, eine Beziehung besteht nicht nur aus Sex!“ Martin biß von seiner Pizza ab. „Erstmal würde ich dich gerne ein bißchen näher kennenlernen. Schließlich möchte ich wissen, mit wem ich da schlafe!“ „Was soll ich dir erzählen?“ fragte Christian unwillig. „Na, wie zum Beispiel...hast du deine Frau kennengelernt?“ „Also, das paßt doch wirklich nicht hierher.“ meinte Christian und schüttelte den Kopf. „Doch! Schließlich ist Anne die Frau, die alle Zeit mit meinem Freund hier verbringen kann! Da will ich doch wissen, was an ihr so besonderes war, daß du sie geheiratet hast.“ erklärte Martin seine Frage. Christian zögerte. „Ach komm schon, erzähl es mir.“ Christian seufzte. „Na gut. Und ich dachte schon, es würde ein romantischer Abend werden...“ „Was nicht ist...“ Martin zwinkerte. „Erzähl endlich.“ „OK, also, es war vor...9? 9 Jahren? Ja, ich glaube. Ich war grade eine Woche in München, meine Schwester besuchen. Ich war in der neuen Pinakothek, falls dir das was sagt. Da stand sie dann. Sie sah sich dieses Gemälde an...von...wie hieß das noch...“ „Gedächtnis wie’n Sieb.“ Warf Martin ein. „Also willst du’s jetzt hören?“ Christian sah Martin genervt an. „Bin schon still.“ Er konzentrierte sich auf seine Pizza. „Also wie gesagt, da stand sie also. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich machte von dem guten alten Trick mit der Uhrzeit Gebrauch -“ „Was für’n Trick?“ wollte Martin wissen. „Ich habe sie gefragt, wie spät es ist.“ Christian schüttelte den Kopf. „Denk doch mal nach. Und dann habe ich sie gefragt, ob sie am Abend schon was vorhat. Sie lächelte mich an und sagte: ‘Ja, ich gehe mit ihnen ins Kino’. Da hatte ich also die Reaktion auf meine blöde Anmache. Aber sie hat uns zusammengebracht.“ „Sehr romantisch.“ meinte Martin mampfend. „Äh - du warst doch fertig, oder? Ich wollte dich nicht unterbrechen.“ „Doch, doch. Das war alles.“ Meinte Christian. „Jetzt will ich aber auch was von dem Blödmann hören.“ „Blödmann?“ Martin sah seinen Freund fragend an. „Dein Ex.“ „Ach der!“ Martin schnaubte wütend. „So’n Idiot! Der dachte, ich wäre zu dumm, um zu merken, daß er mich nach Strich und Faden betrügt.“ „Oh, das tut mir leid.“ Sagte Christian. „Wie gesagt, er war ein Blödmann.“ „Wie hieß er denn?“ wollte sein Freund wissen. „Jürgen.“ Sagte Martin. „Jürgen Blödmeier.“ Er grinste. „So hieß er?“ Martin winkte ab. „Ich hab noch ‘ne Frage: Warum hast du dich gerade in mich verliebt?“ „Das ist dieselbe Frage, wie: Warum ist der Unfall gerade jetzt und gerade dem und dem passiert.“ Erwiderte Christian. „Was für ein Unfall? Wurde jemand verletzt?“ fragte Martin. „Es war doch nur in Beispiel.“ Meinte Christian noch mehr genervt. Martin grinste. „Ach nee!“ Christian grinste zurück. „Willst du noch’n Stück Pizza? Ich hab noch was da!“ Martin zeigte auf die Küche. „Nein, danke. Was gibt’s zum Nachtisch?“ Martin antwortete nicht, sondern kam zu Christian und setzte sich auf seinen Schoß. „Martin. Auf Wunsch auch flambiert. Aber ich glaube, ich bin auch so heiß genug...“ Er küßte ihn. „Das wurde ja auch Zeit.“ Meinte Christian und wollte schon Martins Shirt ausziehen, doch der hielt seine Hände fest. „Noch nicht. Erst will ich...“ Er stand auf. „...Tanzen.“ „Du willst was?“ Christian sah ihn ungläubig an. „Das ist mein Lieblingssong.“ Sagte Martin und lauschte ‘Nightshift’ von den Commodores. „Meiner auch.“ meinte Christian. Martin lächelte ihn an. „Dann komm.“ Er zog ihn von seinem Stuhl. „Ach, komm, das ist doch blöd.“ Martin erwiderte nichts, sondern legte seine Arme um Christians Hals und lehnte seinen Kopf an die Schulter seines Freundes. „Ist es nicht.“ Sagte er noch leise. Langsam bewegten sich die beiden durch das Wohnzimmer. Nach einer Weile kam sich Christian auch nicht mehr albern vor. Als auch die letzten Töne des Liedes verklungen waren, ließ Martin Christian los und sich auf den Boden fallen. Er gähnte. „Ich bin so müde.“ Sagte er, legte sich auf den Fußboden und schloß die Augen. „Willst du jetzt etwa schlafen?“ fragte Christian. „Nein, nein.“
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| Geschrieben von Jadmanx am Donnerstag, 26. Januar 2006 |
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Davids Geheimnis„David Brandner, hätten sie wohl auch die Güte dem Unterricht zu folgen?“ David Brandner blickte auf und sah den Biologielehrer, der vor ihm stand mit schläfrigem Blick an. „Entschuldigung, was bitte?“ „Würden sie mir die Freude machen, David, uns auch mit Ihrer geistigen Anwesenheit zu erfreuen?“ „Klar, sicher.“ David stützte den Kopf auf die Hände und gähnte. „Dann können wir ja beruhigt fortfahren.“ Herr Klein drehte sich um und wandte sich wieder dem Tafelbild „Vererbung“ zu. David folgte der restlichen Stunde an diesem Freitag morgen mit gemäßigter Aufmerksamkeit. „Hey Brandner!“ David drehte sich um. Er blieb auf dem Gang stehen. Sein Jahrgangskamerad Florian stand neben ihm. „Wenn ich etwas erwähnen dürfte...du siehst furchtbar aus.“ Er grinste. David sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Ach, komm, zieh Leine!“ „War ja nicht so gemeint! Aber es gibt da einen Zustand, der nennt sich Schlaf. In den solltest du gelegentlich mal übergehen!“, sagte Florian. „Willst du mir jetzt gute Ratschläge geben oder...?“ „Nein, was ich dich eigentlich fragen wollte...“, begann Florian. „Du willst Geld.“, mutmaßte David mit hochgezogenen Augenbrauen. Florian ließ David ein positives Lächeln zuteil werden. „Ja, weißt du, du hast doch immer Kohle. Hätte ich so einen spendablen Vater wie du - “ „Mach mal halblang.“, unterbrach David seinen Kumpel. „Mein Vater und großzügig. Das kannst du vergleichen mit Feuer und Wasser. Aber egal. Wieviel brauchst du diesmal?“ „Ein zwanziger tut’s schon.“ „Ach, wie freundlich.“ David holte sein Portemonnaie hervor und zog einen Zwanzigmarkschein heraus. „Danke!“ Florian griff nach dem Geld, doch David zog den Schein zurück. „Wofür...?“ „Ich hab Katja versprochen sie heute auszuführen.“ „Aha, kein Geld, aber vor den Mädels den Dicken machen oder wie?“ David schüttelte den Kopf und reichte seinem Freund das Geld. „Danke David.“ „Deine Gesamtschulden belaufen sich jetzt auf genau 124, 60 DM.“ „Hui, soviel?“ Florian rieb sich die Stirn. „Du kriegst es wieder.“ „Klar, in ewig und drei Tage.“ David nickte weniger zuversichtlich. „Was ist denn eigentlich mit dir los? Wie gesagt, du siehst nicht gerade gut aus -“ „Hatten wir das Thema nicht schon mal?“ fragte David genervt. „Ja, ja, aber warum haust du dich so spät in die Falle? Oder hast du etwa solange für Geschichte gelernt?“ David wandte Florian langsam seinen Kopf zu. „Oder hast du das etwa...?“ David stemmte die Hände in die Hüften. „Vergessen, scheiße!“ David rieb sich die Augen. „Wie konnte ich das nur verschwitzen?“ „Vielleicht weil du ständig den ganzen Schultag verpennst?“ „Spar dir deine tollen Sprüche, ja?“ Florian warf die Hände in die Luft. „Ich hab nichts gesagt. Also, noch mal danke für die Kohle.“ Er drehte sich um und ging den Gang in entgegengesetzter Richtung herunter. David blieb ratlos stehen. Inzwischen hatte es längst geklingelt, er hatte Mathe. Und danach war Geschichte. In Davids Kopf hatte sich ein großes Vakuum gebildet. Er saß vor seiner Geschichtsarbeit und malte kleine Männchen auf sein DIN - A4 Blatt. Er hatte keine Ahnung, was der Lehrer von ihm wollte. Er verstand ja noch nicht mal die Fragen, wie sollte er da denn die richtigen Antworten herausfinden. Er sah sich im Klassenraum um. Die anderen schrieben eifrig, nur eh hatte noch nichts auf dem Papier außer seinem Namen und dem Datum des Tages. Er sah auf seine Rolex. Noch 10 Minuten. Es hatte alles keinen Zweck. David stand auf, nahm seine Zettel und gab sie dem Geschichtslehrer, Herrn Reichmann. Der warf einen kurzen Blick darauf und sah dann David an. „Was hat das zu bedeuten?“ David zuckte mit den Schultern und verließ den Klassenraum. Er ging den langen Gang hinunter, bis er zum Jungenklo kam. Er riß die Tür auf und trat ein. Er ging zu den Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel darüber. Er zupfte an seinen blondierten Haarfransen herum, unter denen schon der schwarze Ansatz hervorlugte. Seine braunen Augen hatten etwas an Glanz verloren in den letzten Wochen, seine Haut ließ ebenfalls ziemlich blaß anmuten. Er drehte den Wasserhahn auf und schleuderte sich das kalte Wasser ins Gesicht. Er sah sich wieder an. Das Wasser tropfte von seiner Nase, von seinem geöffneten Mund. Er mußte an Geschichte denken. Das wurde eine dicke fette sechs. „Fuck.“, entfuhr es ihm. „Fuck.“ Wütend trat er gegen den Mülleimer, der unter den Waschbecken stand. Da hörte er eine Klospülung rauschen. Er verharrte einen Moment, dann sah er hinter sich jemanden im Spiegel. „Alles klar bei dir?“ David drehte sich um und musterte den Typen. Richtig, Mark Stern aus seinem Chemie LK und aus dem Deutsch Grundkurs. „Sicher.“, erwiderte David. „Ich hab nur gerade meinen Geschichtstest versemmelt.“ „Oh. Das tut mir leid.“ Mark ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Er korrigierte noch schnell eine seiner braunen Haarsträhnen und sah sich in die blauen Augen. Dann drehte er sich um und lehnte sich an das Porzellanwaschbecken. „So schlimm?“ David nickte. „Meine 9 Punkte kann ich vergessen.“ „Dafür bist du in Chemie ein Genie. Das reimt sich sogar.“ Mark lächelte. „Das solltest du einschicken, damit räumst du sämtliche Gedichtpreise ab.“, zischte David gereizt. „OK, sorry. Ich muß jetzt sowieso gehen.“ Mit diesen Worten verließ Mark die Örtlichkeit. David und sein Ärger blieben alleine zurück. David stützte sich in seinem Bett auf und sah auf den Wecker. Dieser zeigte kurz nach 23 Uhr. Er stand auf und ging durch sein Zimmer zur Tür. Er öffnete sie und lauschte. Kein Geräusch ließ sich aus dem geräumigen Einfamilienhaus hören. Leise schloß er die Tür und ging zu seinem Schreibtisch. Er schloß eine der Schubladen auf und holte eine Packung Zigaretten heraus. Dann nahm er seine Jacke von einem Sessel und zog sie über. Er warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel, bevor er das Zimmerfenster an der Südseite öffnete und sich hinausschwang. Er konnte leicht an einigen Säulen und Pfosten hinabklettern. Auf dem Grasboden angekommen, steckte er sich eine der West - Zigaretten an. Dann ging er in Richtung Straße. Es war Sonntag abend. David lehnte sich gegen eine Hauswand. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß es schon kurz nach halb eins war. Er begann, nervös auf dem Bürgersteig herumzuwandern. Ständig fuhren Autos an der viel befahrenen Straße vorbei. Einige Meter weiter rechts standen einige leicht bekleidete Damen, denen man ansah, daß die Kälte ihnen zu schaffen machte. David ließ seinen Blick über den sternklaren Himmel schweifen. Durch ein leicht quietschendes Geräusch wurde er aufgeschreckt. Er zog an seiner Zigarette, warf sie daraufhin auf den Boden und ging zu dem roten Kombi, der an der Straße angehalten hatte. David lehnte sich zum geöffneten Beifahrerfenster herunter. Er sah sich den Mann auf dem Fahrersitz prüfend an. Er schätzte ihn auf Mitte vierzig. Der Ring an dem dafür bestimmten Finger verriet den Ehemann. „Wieviel?“, fragte der Fahrer mit leicht nervös - rauchiger Stimme. „Hundert, mit allem drum und dran.“, erwiderte David mit kühler Geschäftsmiene. Der Mann überlegte kurz, dann folgte das „OK.“ David öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Polstersessel sinken. Er konnte die Häuserwände an sich vorbei schwimmen sehen, als sie die Straße entlang fuhren. Gnadenlos klingelte um kurz vor sieben der Wecker. David öffnete die Augen und tastete nach dem Gerät. Mit einem gezielten Schlag setzte er den Zeitanzeiger außer Gefecht. Er setzte sich auf. Ihm kam es vor, als hätte er nur einige Minuten geschlafen. Viel mehr war es auch nicht gewesen, vielleicht vier Stunden. Er warf einen Blick auf den Nachttisch. Er öffnete die Schublade und nahm fünf Hundertmarkscheine heraus, die darauf warteten, im Schreibtisch eingeschlossen zu werden. „David!“, hörte der Achtzehnjährige von unten seine Mutter rufen. „Ich komme ja gleich!“, rief David zurück, stand auf und verstaute das Geld in seinem Schreibtisch. Er streckte sich. Mal wieder war eine Nacht zuende gegangen, ein neuer Schultag stand ihm bevor. Er nahm seine zusammengeknüllten Anziehsachen aus seinem Kleiderschrank und zog sich an. Im Bad traf er anschließend seinen jüngeren Bruder Alexander. „Weg.“, sagte David herrisch und wedelte mit der Hand. „Ich geh ja schon.“, brummte der Sechszehnjährige zurück und verließ das Badezimmer. David stieß mit dem Fuß die Tür zu und wand sich wie sooft seinem Spiegelbild zu, das nicht gerade attraktiv anmuten ließ. Die schwarzen Ringe unter seinen Augen waren noch dunkler geworden und seine Haut sah aus, als würde sie jeden Moment in sich zusammenfallen. David hielt seinen Kopf unter das kalte Wasser. Er dachte noch einmal an letzte Nacht. Eigentlich war nichts besonderes passiert. Er drehte den Wasserhahn ab und trocknete sich in einem Frotteehandtuch das nasse Gesicht. Er fuhr sich durch die feuchten Haarsträhnen. Dann verließ er das Bad, um mit seiner Familie zu frühstücken. Am Eßzimmertisch saßen schon seine Mutter, sein Vater und sein Bruder. Er nahm neben seinem Erzeuger Platz. Wie jeden morgen war der wieder in einen schwarzen Anzug mit passender Krawatte gekleidet, um wie immer seiner Arbeit als Manager einer ortsansässigen Computerfirma nachzugehen. Er warf einen Blick über die Zeitung auf seinen ältesten Sohn. „Du solltest früher ins Bett gehen.“, bemerkte er in seinem üblich scharfen Ton. „Ja, Massa.“, murmelte David. „Wolltest du etwas sagen?“, fragte sein Vater mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Nein.“ David schüttelte den Kopf und schenkte sich selbst eine Tasse Kaffee ein. „Dein Vater hat recht.“, sagte seine Mutter in ihrer Funktion als unterstützende Ehefrau. „Du brauchst viel Schlaf.“ Sie stand vom Tisch auf, um neuen Kaffee zu holen. David sah ihr nach. Perfekte Hausfrau. Er stürzte seinen Kaffee hinunter, um möglichst schnell von der Familienidylle zu verschwinden. Auf dem Weg zur Schule überlegte David, ob heute mal wieder eine Arbeit anstand, die er zufällig vergessen hatte. Nein, heute hatte er wohl Glück. Er griff reflexartig in seine Jackentasche, um festzustellen, daß er keine Zigaretten mehr hatte. Alles suchen und kramen half nichts, seine Hände förderten nichts zutage außer ein bißchen Müll. Er sah sich um. Braunschweig war so groß, aber kein einziger Zigarettenautomat in der Nähe. Und hinter der nächsten Ecke war schon das Schulgebäude. David mußte es also wohl oder übel etwas ohne seine Kippen aushalten. In der Raucherecke war um kurz vor halb acht noch nicht viel los, also bestand noch keine Hoffnung für David auf eine geschnorrte Zigarette. Nervös scharrte David auf dem sandigen Pflaster. Nach einer endlosen Viertelstunde konnte David endlich Florian und somit auch einige Glimmstengel anradeln sehen. „Hey Florian!“, rief David. „Hast du mal ‘ne Kippe für mich?“ David atmete auf, als er Florians zustimmendes Nicken sah. Er ging ihm entgegen und erhielt sein nötige Ration Nikotin in Form einer Zigarette der Marke West - ohne. Beide begaben sich in die Raucherecke. David setzte sich auf eine Holzbank. „Ist heute irgendwas? Von wegen Arbeiten?“ Florian schüttelte den Kopf. „Aber ich würde trotzdem aufpassen. Heute ist die vorletzte Stunde vor der Bioarbeit.“ David nickte. Er sah von weitem einen Typen, der ihm bekannt vorkam. Als dieser näherkam, erkannte David, daß es Mark Stern war. Der grüßte ihn, als er an der Raucherecke vorbeiging. David sah ihm nach, ebenso Florian. „Kennst du den?“, wollte der wissen. David nickte wieder. „Hm. Ach, ich wollte dir noch von gestern abend erzählen.“ „Tu, was du nicht lassen kannst.“, war Davids Kommentar. „Ich sag dir, Katja ist echt scharf.“, schwärmte Florian. „Total gut drauf und voll locker, in jeder Beziehung.“ Florian grinste. „Verschon mich mit den Details.“ David hustete. „OK, aber ich wollte noch sagen: Miriam, du weißt schon, Miriam Waidmann, die Tochter von der Bio_Waidmann, die ist ganz heiß auf dich, hat Katja gesagt.“ „Überaus interessant.“, meinte David teilnahmslos. „Was ist denn los mit dir? Du bist doch sonst immer der, der von den ganzen Weibern umlagert wird. Und das hat dich bisher doch nicht so gestört.“ Florian sah David fragend an. „Ich hab einfach nicht den Nerv dazu, im Moment, alles klar?“ David trat seine Zigarette aus. „Ich hab gleich Deutsch und deshalb gehe ich jetzt.“ Er ließ seinen Freund in der Raucherecke stehen. „Was also eure heutige Aufgabe sein soll...“ Herr Kroll, von Beruf Deutschlehrer, setzte sich auf das Lehrerpult. „Schreibt ein Gedicht.“ Unwilliges Murren schlug ihm entgegen. „Ja, ja, ich weiß, nicht gerade eure Lieblingsbeschäftigung, aber besser als Grammatik oder?“ „Und worüber soll das Gedicht sein?“, richtete sich eine Frage an ihn. „Worüber ihr wollt. Alles ist erlaubt.“ „Und wie lang?“ „Ist auch euch überlassen, aber schreibt mir keinen Schwachsinn, geballt in einem oder zwei Worten, OK?“ „OK.“ Es klingelte. David stand auf und wollte den Raum verlassen, als Mark ihn ansprach. „Tolle Aufgabe, was?“ „Hm? Ja, toll.“ „Vielleicht nehme ich das Chemiegenie - Gedicht.“ Mark grinste ihn freundlich an. „Mach doch, wenn’s dir Spaß macht.“ David ging aus dem Raum, aber Mark war er noch nicht los geworden. „Bist du heute abend auch im ‘Rodeo’?“ „Wo bin ich?“, wollte David wissen. „Der neue Laden in der Weststadt.“, erklärte Mark. „Mal sehen, glaube nicht.“ David beschleunigte seinen Gang, um seinen Verfolger endlich loszuwerden. Mark verstand den Wink, drehte sich um und ging seines Weges. „Sag mal, weißt du was von einem neuen Laden in der Weststadt?“ David sah Florian an, der in Bio neben ihm saß. „Das wollte ich dir ja vorhin noch erzählen, aber du warst so schnell weg.“ „Könnten die Herren wohl auch mal zuhören?“ Frau Meyer, ihre Lehrerin sah sie an. „Entschuldigung.“, sagte Florian. „Also was?“ „Ja, das ‘Rodeo’.“ Florian hatte seinen Blick bei der Lehrerin, die mit dem Unterricht fortfuhr. „Der ganze Jahrgang redet davon.“ „Das habe ich gemerkt.“, sagte David. „Und, wie ist es?“ „Ich weiß nicht, ich war noch nicht da, aber ich wollte heute mal vorbeischauen. Bist du dabei?“, wollte sein Nachbar wissen. „Mal sehen, ob ich’s schaffe.“ „Ach, komm schon, heute ist doch nicht viel zu tun, so wie ich das sehe.“ „Ich muß für Deutsch so’n Gedicht schreiben.“, meinte David. „Na und? Im GK reißt du dir doch sonst auch kein Bein aus, oder.“ „Wie ich schon sagte, mal sehen, ob ich es hinkriege.“ „Ich ruf dich an.“, raunte Florian. „Kann ich heute abend mit Florian weg?“ fragte David beim Familienmittagessen. „Wie war das mit dem Schlafen?“, fragte seine Mutter. „Morgen ist Schule.“ „Ja, wir wollen auch nur mal kurz so ‘ne neue Disco anschauen.“, erklärte David. „Was sind denn das für Sitten?“, wollte sein Vater wissen. „Mitten in der Woche in die Disco?“ „Ich geh doch sonst auch nicht.“ „Ist das ein Grund?“ „Ach, kommt schon.“ David sah seine Eltern abwechselnd an. „Um 24 Uhr bist du wieder Zuhause.“, bestimmte sein Vater. „Alles klar.“, sagte David. „Nimmst du mich mit?“, fragte Alexander. „Dich? Spinnst du?“ David sah seinen Bruder von oben herab an. „Warte bis du achtzehn bist.“ „Ach, halt’s Maul.“, grummelte Alex. „Alexander!“, kam auch gleich die Ermahnung von seinem Vater. „Ist doch wahr.“ „Morgen kommen Kochs zum Essen.“, lenkte Margot Brandner ab. „Diese Spießer?“, fragte David. „Rede nicht so von unseren Bekannten.“, sagte seine Mutter. „OK.“ David hatte keine Lust, sich mit ein paar genervten Bemerkungen die Erlaubnis für den Abend zu verderben. Um kurz nach neun klingelte Florian an der Haustür der Brandners. Margot Brandner öffnete. „Ach, Florian, David ist sofort fertig. David!“, rief sie ins Haus hinein. „Ja!“ Ihr Sohn kam die Treppe herunter gerannt. „Geht’s los?“, fragte Florian. „Abfahrt.“ David schob sich an Florian vorbei aus dem Haus. „Aber denk daran, um 24 Uhr bist du wieder hier!“ „Ja, mein Gott. Komm.“ David wartete, bis Florian die Tür seines Polos geöffnet hatte, dann konnte es losgehen. Das ‘Rodeo’ war ein Disco von mäßiger Größe, dafür war die Musik um so lauter. Es war nicht ganz so verqualmt wie das Jolly. Auch in Gemütlichkeit wurde es vom Rodeo übertroffen. David und Florian hatten sich einen Sitzplatz mit Blick auf die Tanzfläche gesichert, die aus zwei Ebenen bestand. Im Moment tanzten eine Menge vorwiegend junger Leute zu einem Lied von Janet Jackson. Alles in allem gefiel es David ganz gut. Als er seinem Blick mal wieder über die Tanzenden schweifen ließ, entdeckte er Mark Stern darunter. Sie liefen sich wirklich dauernd über den Weg. Auch Mark hatte David gesehen. Deswegen begab er sich angestrengt keuchend von der Tanzfläche. „Hi.“, begrüßte er seinen Bekannten. David nickte nur, um seine Stimme zu schonen. „Wir laufen uns wirklich dauernd über den Weg.“, rief Mark in angemessener Lautstärke. Was du nicht sagst. David zündete sich eine Zigarette an und sah Mark erwartungsvoll an. Dann hielt er die West - Packung hoch, doch Mark schüttelte den Kopf. „Nichtraucher.“, brüllte der als Erklärung. Auch das noch. Langweiler. „Wie gefällt’s dir hier?“, fragte Mark. „Ganz gut.“, schrie David gezwungen und hustete. „Na gut, wie ich sehe, nerve ich dich, also geh ich mal wieder.“ Mark verschwand wieder in der Menge. Wer es eilig hat, den soll man nicht aufhalten, dachte sich David. Florian stieß ihn an. „Was will der eigentlich dauernd von dir?“ David zuckte mit den Schultern. „Ich geh mal kurz an die frische Luft.“ Er stand auf und bahnte sich einen Weg durch die Leute nach draußen. Er fror doch erbärmlich ohne seine schützende Jacke. Zitternd trat David von einem Fuß auf den anderen. Auch eine weitere Zigarette brachte nicht die erhoffte Wärme. Er konnte noch das Wummern der Bässe aus der Disco hören, als er auf dem Parkplatz stand. Er sah zwei Scheinwerfer näherkommen. Er verharrte auf seinem Platz, bis der Wagen neben ihm verlangsamte und schließlich zum Stehen kam. Ein Typ mittleren Alters lehnte sich aus dem Fenster. „Na, Kleiner, kannst du dich noch an mich erinnern?“ „Nicht, daß ich wüßte.“ David nahm einen Zug von seiner West. „Wir hatten vorletzte Nacht das Vergnügen.“ „Ach? Wen interessiert das?“ „Nicht gleich so spröde. Wie wär’s denn...?“ Der Typ setzte ein gieriges Grinsen auf. „Heute nicht. Zieh Leine.“ David ging ein paar Schritte, doch der Wagen fuhr weiter neben ihm her. „Ach, komm schon! Ich leg auch noch was drauf.“ „Such dir’n anderen, OK?“, sagte David genervt. „Ich will keinen anderen. Hab dich nicht so.“ Der Kerl ließ nicht locker. „Ey.“ David blieb stehen. „Nein heißt auch bei mir nein. Wenn du was willst, dann komm morgen wieder. Du weißt, wo du mich findest.“ „Ich nehm dich beim Wort. Trotzdem schade.“ Damit beschleunigte der Typ seinen Wagen und fuhr davon. David sah ihm nach. Nannte man das vielleicht Berufsrisiko? Er trat seine Zigarette aus und drehte sich um. Dabei stieß er fast mit Mark zusammen. „Oh, entschuldige.“ „Sag mal, verfolgst du mich oder was?“, wollte David ziemlich genervt wissen. „Nein, ich wollte nur -“ „Ach, mir doch egal.“ David ging auf die Disco zu. „Was wollte dieser Typ?“, rief Mark ihm hinterher, doch David antwortete nicht. Er konnte niemanden gebrauchen, der ihm hinterherschnüffelte. Am nächsten Morgen in der Schule war David ausgeschlafener als sonst. Kein Wunder, bei drei Stunden mehr Schlaf. Aber er war leicht verstimmt ob des Vorfalls vom letzten Abend. Doch er hatte ja eigentlich andere Sorgen, zumal der Geschichtslehrer angekündigt hatte, den Test heute zurückzugeben. Er war bekannt für schnelles Korrigieren. Und David wußte, etwas anderes als eine sechs würde es nicht sein, konnte es nicht sein, das baute einen doch auf. Also saß David relativ teilnahmslos da, als Herr Reichmann die Arbeiten mit entsprechenden Kommentaren zurückgab. „Julia, wirklich außergewöhnlich, diese Arbeit hat meinen Eindruck von ihnen doch noch gefestigt.“ David sah im Augenwinkel, daß Herr Reichmann neben seinem Tisch stand. „David hat in diesem Test den Vogel abgeschossen. Wie ist es ihnen bloß gelungen, keine einzige der Frage zu beantworten und somit keinen einzigen Punkt zu erreichen?“ David sah ihn an. „Aha, du weißt es anscheinend selber nicht. Hier, hänge dir das übers Bett, als Mahnung.“ Herr Reichmann ließ die Arbeit auf Davids Tisch sinken. Auf den Zetteln stand nur in roter Tinte ein „Warum?“ und die Punkte, nämlich null Komma null. „Kein einziger Punkt?“, fragte Julia Friedrichs, die neben ihm saß. „Ach, sei still ja?“ David sah sie entnervt an. „Ja, ja, ist ja gut.“ Julia richtete ihren Blick zur Tafel, während David seine Arbeit in seinem Rucksack verstaute. Als es dann bald darauf klingelte, stand David auf, nahm seine Sachen und verließ den Raum. „So, habe ich jetzt alle Gedichte?“, fragte Herr Kroll. „Ja? Gut, dann werde ich mal ein paar von den Ergebnissen vorlesen.“ Herr Kroll blätterte die Zettel durch. „Wollen wir mal sehen...Felix Schmidt, mal sehen, was sie zu Papier gebrachte haben.“ Er räusperte sich und begann vorzulesen. „Das Leben ist wie ein Bleistift. Zu oft gespitzt, ist es bald vorbei.“ „Das verstehe ich nicht.“, sagte ein Mädchen aus den hinteren Reihen. „Dann fragen wir doch Felix, was es damit auf sich hat. Felix?“ „Naja, da kann sich ja jeder seine eigene Lehre draus ziehen.“, meinte der Angesprochene. „Auch gut. Gar nicht schlecht für den Anfang, Felix.“, lobte der Deutschlehrer. „Sehen wir weiter...David Brandner, na mal sehen.“ Herr Kroll ließ kurz seinen Blick über das Geschriebene gleiten, dann las er vor: „Ein Augenblick der Wärme vertreibt die Kälte, die ihm Körper ruht. Doch die Seele friert weiter zu, bis sie eines Tages auseinanderfällt.“ Herr Kroll blickte seinen Schüler an. „Wieder recht kurz, aber was für eine Aussage. Was wollten sie damit sagen, David?“ „Es bedeutet das, was da steht.“, erwiderte der Angesprochene, ohne das Augenpaar aus der Reihe hinter sich zu bemerken, das ihn mit Blicken durchbohrte. „Auch nett. Ein bißchen melancholisch, aber das ist gar nicht mal schlecht. Oh, Hier haben wir einen anonymen Schreiber oder Schreiberin. ‘Braune Augen, die ihren Schimmer verloren haben, sehen mich an. Sind sie leer oder verstecken sie etwas? Hinter dem kalten Blick muß etwas liegen, daß ihn so verkommen ließ.’ Oh je, heute haben sie’s aber mit der Traurigkeit.“ Herr Kroll schüttelte den Kopf. David saß ganz ruhig da und drehte sich langsam um, um in die blauen Augen Mark Sterns zu sehen, die ihn musterten. David war der erste, der den langen Blick brach und sich wieder umdrehte. „Also, will derjenige sich melden, der das hier geschrieben hat?“ Der Lehrer wedelte mit dem Zettel in der Luft herum. „Keiner? Auch gut. Das ist nicht schlecht, nicht schlecht. Wir sollten uns alle Fragen, wem die braunen Augen gehören, und was ihnen den Schimmer genommen hat. Vielleicht fühlt sich jemand angesprochen.“ Davids Augen richteten sich auf den Lehrer. „Gut, fahren wir fort.“ Den Rest der Stunde verbrachte David mit einem merkwürdigen Gefühl in seinem Körper. Auch nach der Stunde fühlte sich David äußerst unwohl. Für ihn war klar, wer das Gedicht geschrieben hatte, mit den braunen Augen und auch, an wen es gerichtet war. Er hatte das Gefühl, ein für allemal etwas klarstellen zu müssen. Deshalb ging er in der großen Pause auf die Suche nach einem gewissen jungen Mann. Er sah sich genau in der Pausenhalle um, die mit schwatzenden Schülern gefüllt war. Es brauchte eine ganze Weile, bis er Mark ausfindig gemacht hatte, aber dann steuerte er zielsicher auf ihn zu. „Komm mit, ich will mit dir reden.“, unterbrach er ihn im Gespräch mit zwei anderen Typen, die er nicht kannte. Etwas überrascht folgte Mark David aufs Jungenklo. „Sag mal, die Aktion mit dem Gedicht war ja wohl das letzte.“, sagte David, als sie angekommen waren. „Was meinst du?“, fragte Mark unwissend. „Ach hör doch auf mich zu verarschen!“, rief David ungehalten. „Du weißt genau, was ich meine, der ganze braune Augen und ihre Probleme Scheiß!“ „OK, OK, beruhig dich!“ Mark sah sich um. „Ja, ich hab das Gedicht geschrieben! Mußt es ja nicht auf dich beziehen.“ „Nein wirklich? Wen meintest du denn dann damit?“, wollte David wissen. „Hör mal, ich weiß auch nicht, warum ich das geschrieben habe.“ „Tolle Entschuldigung.“ „Ja man, ich mach mir einfach meine Gedanken.“, erklärte Mark. „Jeden Tag, wenn ich dich sehe siehst du noch fertiger aus als am Vortag. Und dann dieser komische Typ gestern vor’m Rodeo -“ „Ey, ich sagte schon, daß das meine Sache ist oder?“, sagte David. „Das geht dich gar nichts an. Halt dich einfach in Zukunft aus meinem Leben raus, OK?“ Einen Moment schwiegen sie. „OK.“, sagte Mark leise und nickte. „Tut mir leid.“ David sah ihn kurz an und verließ dann hastig den Raum. In dieser Nacht war es besonders kalt, außerdem regnerisch, als David auf dem Bürgersteig entlang ging. Er mußte an den Schultag denken. Warum machte sich dieser Stern solche Gedanken um ihn? Bestimmt war er einfach neugierig und wollte schnüffeln, damit er was zum Tratschen hatte. Endlich kam David an „seiner“ Hauswand an. Er lehnte sich an sie, wie fast jeden Abend. Er sah die Autos vorbeifahren. Ob der Typ von gestern wiederkommen würde? Der war David schon fast zu aufdringlich. Aber eigentlich war einer wie der andere. Klar, bei einigen fiel es leichter, doch bei David verlief eh alles mechanisch. Er fröstelte und schlang die Jacke enger um sich. Mit großer Aufmerksamkeit betrachtete er ein Auto, daß die Geschwindigkeit drosselte. Er stieß sich von der Wand ab, um zu sehen, was für ein Kerl das war. Durch die verregnete Scheibe konnte er kaum etwas erkennen, bis sie heruntergekurbelt wurde. Das Gesicht des Typen konnte er kaum erkennen. „David? Sind sie das?“ Mit einem Schrecken starrte David in das Gesicht, das kurz von einem blassen Schimmer des Mondlichts, das durch einige Wolken fiel, beleuchtet wurde. Er machte langsam ein paar Schritte zurück. Es war tatsächlich Herr Reichmann, sein Geschichtslehrer. Jetzt stieg er auch noch aus dem Wagen. „David? Warten sie kurz!“ David drehte sich um und beschleunigte seine Schritte. „Warten sie doch.“ Er schaffte es nicht zu entkommen. Herr Reichmann stand vor ihm. „Dachte ich mir doch, daß sie das sind.“, sagte er mit freundlicher Stimme. „Als ich hier vorbeifuhr, kamen sie mir gleich bekannt vor. Normalerweise mache ich das nicht, aber wenn sich einer meiner Schüler in diesem Viertel herumtreibt...Was tun sie hier?“ „Am besten vergessen sie, daß sie mich hier gesehen haben und fahren nach Hause.“ David wollte seinen Weg fortsetzen, seine Schritte wurden von seinem schnellen Herzschlag wackeliger. „Zuerst sollten sie mir sagen, was sie hier tun.“ „Ich bin einfach ein wenig herumgegangen.“, log David. „Sie müssen mir nichts vormachen.“ Herr Reichmann beobachtete eine von den wenig bekleideten Damen, die gerade in ein Auto einstieg. „Hier wandert man nicht einfach so herum.“ David zählte systematisch die Regentropfen, die vor seine Füße fielen. „Wollen sie nicht mit mir kommen?“ David sah seinen Lehrer fragend an. „Nicht was sie denken. Vielleicht wollen sie mit jemandem reden.“ „Ich will mit niemanden reden. Ich komme ganz gut klar.“, sagte David mit feindseligem Blick. „Ich will ihnen doch nur helfen.“ „Wenn ich Hilfe brauche, dann bitte ich um welche.“, meinte David. „Warum wollen sich nur alle in mein Leben einmischen?“ Wütend trat er in eine Pfütze. „Es geht niemanden etwas an.“ „OK. Sie haben recht. Wenn sie nicht wollen...“ Herr Reichmann wandte sich um. „Aber versprechen sie mir auf sich aufzupassen.“ „Bis jetzt hat alles ganz gut geklappt.“ Herr Reichmann sah ihn noch an, dann drehte er sich endgültig um und fuhr wieder davon. David sah seinem Wagen nach. Und was jetzt? Das würde sicher nicht ohne Folgen bleiben. Wahrscheinlich würde Reichmann gleich morgen seinem Vater Bescheid geben. Das konnte David wirklich nicht gebrauchen. „Hey!“ Schnell sah David sich um. Er hatte nicht bemerkt, daß ein Auto neben ihm gehalten hatte. Diesmal war es tatsächlich der Mann vom Parkplatz gestern. „Spring rein.“ David zögerte. „Was ist nun?“ Er würde sich von niemandem reinreden lassen. Fest entschlossen öffnete er die Autotür und nahm Platz. „Na also.“, sagte der Macker zufrieden. Und schon brausten sie los. Am nächsten Morgen wäre David am liebsten im Bett geblieben. Er hatte tierische Kopfschmerzen. Der gestrige Abend war nicht gerade erbaulich gewesen. Und außerdem hatte er heute auch noch Geschichte. Wenn er nicht hinging, entging er vielleicht Herrn Reichmanns strafenden Blicken. Allerdings würde Herr Reichmann dann wahrscheinlich erst recht mißtrauisch werden. Irgendwie kam es David vor, als würde sein sorgfältig aufgebautes Kartenhaus langsam in sich zusammenfallen. Es hatte alles so gut funktioniert. Und auf einmal dann dieser Hagelsturm von Leuten, die meinten, ihm helfen zu müssen. Wer hatte denn hier Probleme? Gesenkten Blickes lauschte David den Worten seines Geschichtslehrers, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Dieser Röntgenblick war furchtbar. Nicht, daß er sich vielleicht schämte, nein, ihn nervten alle hier. Er wollte nur alleine sein. Oder zumindest sollten alle hier einen Maulkorb verpaßt kriegen. Gab es denn nicht genug Probleme in deren Leben? Zu Davids Überraschung wurde er nicht von Herrn Reichmann aufgehalten, als er nach der Stunde den Raum verließ. Dafür lief er Mark Stern über den Weg. Der sah ihn aber auch nur mit seinen blauen Augen an, ging aber dann vorbei. Eine gewisse Ruhe breitete sich wieder in David aus. Es ging ja doch. Auf dem Weg zum Bioraum wurde er langsamer. Heute war doch irgendwas... War es möglich...? Er hatte schon wieder einen Test vergessen, diesmal allerdings Bio. Aber er wollte nicht wieder null Punkte riskieren. Einfach abhauen konnte er auch nicht. Er konnte aber eine kleine Magenverstimmung vortäuschen, um die ganze Stunde auf dem Klo zu verbringen. Schließlich sagte ihm irgendwer alle fünf Minuten, wie beschissen er aussah, mit den dunklen Ringen unter den Augen und der blassen Haut. Das war wirklich eine gute Idee. Also ging er beruhigt weiter zu seinem Fachraum. Dort angekommen, liefen schon alle ganz nervös durcheinander. Als Frau Waidmann kam, setzte David eine Leidensmiene auf und ging auf sie zu. „Frau Waidmann, mir geht es ganz furchtbar.“ Frau Waidmann musterte ihn. „Du siehst wirklich nicht besonders gut aus.“ „Ich habe schreckliche Magenschmerzen.“ „Dann solltest du wohl besser nach Hause gehen.“, meinte Frau Waidmann besorgt. „Ich gehe am besten mal ins Krankenzimmer.“, schlug David hingegen vor. „OK, wenn du meinst. Soll jemand mitkommen?“, wollte seine Lehrerin wissen. „Nein, nein, schon gut. Kann ich nachschreiben?“ „Mach dir darüber mal keine Gedanken.“ Frau Waidmann lächelte ihn zuversichtlich an. „Danke schön.“ David setzte ein gespielt gequältes Lächeln auf und verließ im gekrümmten Gang den Raum. Selbstzufrieden zündete sich David eine Zigarette an, als er in einer Toilettenkabine saß. Dieses Weib glaubte ja wirklich alles. Plötzlich hörte er die Klotür auf - und zugehen. Zwei Stimmen wurden laut. David warf seine Zigarette auf den Boden und war ganz still. „Verdammt, ich mach nie wieder solche Übungen bei Frau Klaus!“ „Halt endlich deine Hand unter kaltes Wasser.“ Das war Mark Sterns Stimme gewesen. „Das hätte ich schon längst getan, aber die Wasserleitung in der Turnhalle muß ja gerade heute einen Hauwech haben.“ Die Stimme kannte David nicht. Er hörte das Wasser rauschen. „Aber jetzt erzähl mal weiter, Mark. Du warst bei der Deutschstunde.“ „Also...ich glaube echt, daß David Brandner Probleme hat.“ David wurde hellhörig. Dieser Idiot! Warum mußte er jedem erzählen, wie schlecht es doch um den armen David stand. Am liebsten wäre David hinaus gestürmt und hätte Mark mit einer gezielten Rechten niedergestreckt. „Probleme welcher Art denn?“ „Ich habe mich mal mit seiner Familie und so weiter befaßt.“, hörte er Mark sagen. „Weißt du, normalerweise mache ich sowas nicht, aber -“ „Ja, ja, mach mir nichts vor, red mal weiter.“ „Also, sein Vater ist wohl ein ziemlich großer Fisch. Aber von Holger weiß ich, daß er nicht soviel springen läßt für seine Kinder.“ Was erlaubte sich dieser Mark eigentlich? Das wurde ja immer interessanter! „Aber David hat immer Kohle. Und guck dir seine Klamotten mal an, immer vom feinsten.“ „Na, was denkst du, wo er das Geld her hat? Glaubst du, er raubt jede Nacht ‘ne Bank aus und sieht deshalb so fertig aus?“ „Blödsinn.“, wehrte Mark ab. „Aber wie dann?“ „Das muß ich eben herausfinden. Aber das wird schwer, weil David nicht so gut auf mich zu sprechen ist.“ „Berechtigt, würde ich sagen. Ich fände es auch nicht toll, wenn jemand in meinem Leben herumstöbern würde.“ Endlich mal vernünftige Ansichten. „Ich muß es wissen. Wenn er Probleme hat, braucht er doch Hilfe oder?“ „Ich denke, er kommt ganz gut zurecht. Sonst würde er sicher was sagen.“ „Das glaube ich eben nicht. Er würde es niemandem sagen.“ „Und wenn? Es ist nicht deine Sache.“ Schweigen. „Ich muß es rausfinden. Sonst werde ich noch wahnsinnig. Ist deine Hand wieder OK?“ „Ja, ja, ich werde sie einfach verbinden. Und du solltest dich um deine Angelegenheiten kümmern.“ Das Wasserrauschen endete. Die Tür klappte wieder auf und zu. Damit verschwanden auch die Stimmen. So war das also. Er war ein mutmaßlicher Bankräuber. Mit Problemen reif für den Seelenklempner. Wie konnte er diesen Mark nur loswerden? Unter anderen Umständen vielleicht...Er brauchte aber niemanden, der sein Leben durcheinanderschmiß. Vielleicht mußte er einfach etwas mehr schlafen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Es war schließlich auch alles in Ordnung. Probleme machte nur dieser Mark. Was machte sein Leben bloß so interessant für ihn? War er vielleicht so etwas wie eine Möchtegern - Mutter Theresa in männlicher Ausführung. Dabei gab es doch so viele Leute, die David kannte, die wirklich ernsthafte Probleme und somit Hilfe wirklich nötig hatten. Bestimmt wurde er Mark niemals los, bevor der nicht wußte, was los war. Was würde er wohl machen, wenn er es wüßte? Eigentlich war ja nichts los, aber für einen außenstehenden. Wäre seine Reaktion wie die von Reichmann, durfte es eigentlich keine Probleme mehr geben, dann hätte er seine Ruhe. Aber sollte er es drauf anlegen? Er würde sowieso einfach so weitermachen wie bisher. Das mußte er schließlich. Mal wieder ein Abend wie jeder andere. Diesmal allerdings kein Regen, das machte das Warten einfacher. Dreihundert Mark hatte David schon zusammen. Das Geschäft lohnte sich wirklich. Zufrieden zündete er sich eine Zigarette an. „Hast du mal Feuer?“ David blickte auf. Vor ihm stand ein junger Mann, vielleicht drei, vier Jahre älter als er. „Klar.“ David zündete dem Typen seine Kippe an. „Ruhiger Abend heute.“, meinte der Typ und hielt David seine Zigarette hin. „Hier, daß macht munter.“ David zögerte und nahm dann den Glimmstengel entgegen, der einen merkwürdigen Geruch ausströmte. Er zog daran und mußte husten. „Was ist das denn?“, fragte er hustend. „’N bißchen Gras.“, erwiderte der Typ. „Das macht die Sache irgendwie leichter.“ David zuckte mit den Achseln. „Behalt ruhig.“, meinte der Mann, als David ihm seinen Joint wiedergeben wollte. „Ich hab noch’n paar davon.“ Sie betrachteten die Autos die vorbeifuhren. „Wie lange bist du schon dabei?“, fragte der Kerl. „Fast ein Jahr.“ „Wie alt bist du?“ „Achtzehn.“ David zog an der Zigarette. „So jung und schon so down?“, wollte der Typ wissen. „Wenn du es so bezeichnen willst.“ „Ich brauch einfach das Geld.“, meinte der Typ mit den glänzenden Augen. „Das Gras hier hilft mir ‘n bißchen, wenn ich keinen Stoff habe.“ „Koks oder was?“, fragte David. Der Typ nickte. „Du hast nicht zufällig was?“ David schüttelte den Kopf. „Und...vielleicht ‘n bißchen Kohle?“ David sah ihn an. „Ach, so läuft das. Nee du, das verdien dir mal selber.“ „Nicht gleich so unfreundlich. Ich will ja nicht viel. Du kriegst es auch wieder...“, meinte der Kerl. „Ich sagte nein, OK?“ „Nein, nicht OK!“ Der Typ packte ihn. „Wenn du keinen Ärger willst, dann gibst du mir am besten die Kohle.“ „Niemals.“ David sah den irren Blick in den Augen des Typen, aber er ließ sich nicht einschüchtern. Da bekam er auch schon den ersten Schlag in den Magen. Er schnappte nach Luft. Dann schlug ihn der Typ zu Boden. Etwas verschwommen nahm David war, wie der Kerl in seiner Tasche nach dem Geld wühlte und es schließlich fand. „Hey, laß ihn in Ruhe!“ hörte David jemanden rufen. Er sah, wie der Typ jemanden anblickte und dann davonlief. „Ey, bleib stehen!“ Kurz darauf sah er das Gesicht von Mark Stern über sich. Das machte ihn wieder klar. „Was willst du denn hier?“, rief er, so gut es ging. „Ich bin zufällig hier -“ „Bißchen viele Zufälle!“ David setzte sich auf. „Alles klar bei dir?“ „Wieso spionierst du mir nach?“, rief David. „Ich -“ „Spar dir deine Erklärungen! Zufällig habe ich dein Gespräch heute in der vierten mitbekommen. Weißt du, auf dem Klo.“ Mark sah ertappt drein. „Mir ist es schleierhaft, wie du drauf gekommen bist, mich hier zu suchen.“ „Hab ich nicht. Ich war bei einem Kumpel, auf dem Rückweg bin ich an deinem Haus vorbeigefahren mit dem Rad.“, erklärte Mark. „Da bist du gerade aus dem Fenster geklettert.“ „Warum bist du nicht einfach weitergefahren?“, fragte David. „Du solltest doch aufhören, mich zu nerven.“ „Ja, ich weiß, aber ich mußte wissen, was los ist.“ „Hast du keinen anderen, dem du auf den Wecker gehen kannst?“ David hielt sich den Bauch, der noch etwas schmerzte. „Nein.“ „Und warum nicht?“ „Du kommst jetzt erst mal mit zu mir, klar?“ Mark zog ihn hoch, aber David riß sich los. „Ich komme gut alleine zurecht.“ „Das habe ich ja gerade gesehen.“ David starrte Mark mit funkelnden Augen an. „Du gibst ja doch keine Ruhe.“ „Stimmt.“ „Aber dann läßt du mich in Ruhe?“, fragte David. „Das sehen wir dann, komm jetzt.“ Leise schloß Mark die Haustür auf. Er deutete David an, ruhig zu sein, als sie das Haus betraten. David sah sich um. Er konnte im Dunklen wenig von der Einrichtung erkennen und konnte nur hoffen, nicht zu stolpern. Er folgte Mark über eine Treppe in den ersten Stock. Dort befand sich Marks Zimmer, das sie jetzt betraten. „Setz dich am besten auf das Bett.“ Mark machte Licht ein. Es brannte in Davids Augen. Als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, sah er sich in dem kleinen Zimmer um. Gut, für einige Minuten konnte er sich hier niederlassen. Er nahm auf dem Bett Platz und beobachtete Mark, der sich ihm gegenüber in einen Sessel fallen ließ. „Und? Jetzt erzähl mal.“ „Was soll ich schon groß erzählen?“ „Ach, komm schon.“ Mark sah ihn fragend an. „Du weißt doch genau, was ich meine. Warum du dich da herumtreibst. Wieso du jeden Morgen so fertig aussiehst.“ „OK, OK. Aber dann gibst du Ruhe.“ David holte tief Luft, was Schmerzen in seinem Magen verursachte. „Du hast doch sicher schon mitgekriegt, warum ich da stehe, fast jeden abend, schließlich bist du mir gefolgt.“ „Du tust dasselbe wie die Nutten, die da rumstehen.“, sagte Mark trocken. „Siehst du. Du weißt es schon.“ „Aber wieso denn? Nimmst du Drogen? Brauchst du das Geld?“, fragte Mark. David hob die Schultern. „Eigentlich...nicht.“ „Also wieso?“ „Wieso ich meinen Arsch verkaufe...gute Frage.“ David überlegte. „Vielleicht versuche ich ein bißchen Aufmerksamkeit zu bekommen.“ „Reicht es da nicht, ein bißchen Geschirr zu zerschmeißen oder sowas?“, wollte Mark wissen. „Nein, ich glaube nicht, daß das bei meinen Eltern zieht.“ „Ich könnte das nie. Mich da hinstellen. Diese ganzen Typen...“ „Es ist nur wichtig, daß es sich nicht hier abspielt.“ David legte eine Hand auf seine Brust. „Alles im Kopf. Und, OK, zwischen den Beinen. Es ist nicht so schwer, wie du denkst.“ „Doch, ich denke, das ist es schon.“, meinte Mark. „Wenn man dir ‘richtigen’ sexuellen Veranlagungen hat, ist es noch etwas einfacher, wenn du verstehst.“„ Egal. Ich könnte es nicht.“ „Meinst du, daß es einen abstumpft?“, wollte David wissen. „Ja, vielleicht tut es das, aber das ist nicht wichtig.“ „Wieso? Ist die Liebe für dich gar nicht wichtig?“, fragte Mark schockiert. „Ich glaube nicht so recht daran.“ „Ich schon.“, meinte Mark. Einen Moment schwiegen sie. „Du wolltest doch wissen, wieso ich dich nicht zufrieden lasse oder?“ David horchte auf. „Ich dachte, es wäre dir vielleicht schon aufgefallen.“ Mark sah David in die Augen. „Ich...Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, liebe ich dich.“ David klappte die Kinnlade herunter. „Was?“ „Du hast es doch gehört.“ Mark sah an die Zimmerdecke. „Ich konnte dich nicht ihn Ruhe lassen, weil es mir weh getan hat, dich so fertig zu sehen.“ Wieder schwiegen sie sich an. David starrte so vor sich hin. Das erklärte natürlich alles. „Nun, jetzt wo ich alles weiß und du alles weißt,“, brach Mark die Stille. „Gibt es natürlich keinen Grund mehr, daß ich dich weiter belästige.“ „Hm?“ David sah ihn an. „Naja, weißt du, ich nerve dich doch sowieso nur.“ „Das war doch nur, weil ich dachte, du willst mich ausspionieren und dann alles herumtratschen.“ „Das würde ich nicht tun. Das ich jemandem erzählt habe, daß ich mir Sorgen mache, heißt nicht, daß ich auch erzählen würde, was mit dir los ist. Dafür bist du mir zu wichtig.“ „Ich finde, wenn wir schon soviel voneinander wissen, besteht auch kein Grund, sich aus dem Weg zu gehen.“ Marks Augen bekamen einen freudigen Schimmer. „Meinst du das ernst?“ David nickte. „Aber ich sollte jetzt gehen, es ist schon kurz vor zwei. Du bist sicher müde.“ „So wach wie jetzt in diesem Moment war ich noch nie in meinem ganzen Leben.“, erwiderte Mark. „Egal, ich sollte jetzt wirklich gehen. Wir sehen uns ja noch.“ David stand auf. „Ich bring dich noch runter.“ Die beiden schlichen leise die Treppe hinunter. Mark öffnete David die Tür. „Bevor du gehst...versprich mir eins, ja?“ „Was soll ich dir versprechen?“, fragte David. „Daß du nie wieder da hingehst und dich an die Straße stellst, OK?“ David sah Mark in die Augen. „Versprochen?“ „Versprochen.“ Mark lächelte. Er beugte sich vor. Seine Lippen berührten flüchtig Davids Gesicht. „Ach, tut mir leid, daß war dumm.“, entschuldigte er sich aber gleich darauf. „Ach, schon gut.“, meinte David überrascht. „Mach’s gut.“ Mark schloß die Haustür. Einen Moment lang blieb David stehen. Dann ging er, mit einem Lächeln, das über sein Gesicht huschte, nach Hause. Seufzend ließ David sich in die Kissen sinken. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Was für ein Tag. Er hatte jemandem, den er kaum kannte, versprochen, etwas aufzugeben, was in den letzten Monaten so elementar für ihn geworden war. Er hätte es sonst niemand anderem versprochen. Er drehte sich auf die Seite und schloß die Augen. Irgendwie schön, mit dem Gefühl einzuschlafen, daß es jemanden gab, der ihn liebte. Wirklich liebte. Am folgenden Morgen erwachte David mit einem seltsamen Gefühl. Er mußte erst noch einmal registrieren, was gestern alles passiert war. Da war dieser Typ, der ihm dreihundert Mark geklaut hatte. Dann war da Mark gewesen. Der hatte ihn ausgefragt. Und außerdem erzählt, daß er ihn liebte. David lächelte und streckte sich. Es war Donnerstag. Morgen begann das Wochenende. An diesem Morgen war David also ziemlich positiv gestimmt. Sogar sein Bruder
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