„Jesus Christus war schwul, aber im Bett voll die Niete“.
So, und nun setze ich mich hin und warte, bis Menschenmassen vor
dem Haus auftauchen und mir schreiend Molotow-Cocktails ins Zimmer
schmeißen. Warte auf die Frömmsten der Frommen, die gläubigsten
Christen, die mit meiner blasphemischen Provokation nicht nur ihre
Religion beschmutzt, sondern ihre ganz persönliche Ehre in den Dreck
getreten sehen. Die vollkommen ausrasten, Amok laufen,
selbstverständlich ohne dass die Polizei sie daran hinderte.
Warum funktionierte das hier nicht? Weil „Friede auf Erden“
tatsächlich die frohe Botschaft, das Leitwort der Christenheit lautet?
Machen wir doch mal `ne Meinungsumfrage, wer dem zustimmt. Fragen wir
die im Namen Jesu ermordeten amerikanischen Ureinwohner. Fragen wir
Giordano Bruno und als Hexen verbrannte Frauen.
Also, noch einmal: Warum funktionierte das hier nicht? Warum
brächen nicht solche Stürme der Entrüstung los, würde ich allen Ernstes
obige Parolen an die nächste Wand schmieren? Weil niemand oder immer
weniger Menschen überhaupt religiös sind und sich über ihren Glauben
definieren? So einfach kann das doch nicht sein.
Ich glaube, das funktionierte hier nicht, weil wir trotz PISA
längst nicht so viele Analphabeten haben wie viele muslimische Länder.
Die man, ähnlich wie die Europäer im Mittelalter, mit willkürlichen
Auslegungen der heiligen Schriften und einem strengväterlich-drohenden
Gottesbild instrumentalisieren und sich für Zwecke nutzbar machen kann,
die mit den eigentlichen religiösen Aussagen und Standpunkten ganz und
gar nichts zu tun haben. Und weil man selbst höher Gebildete wie die
Attentäter vom 11.09.01 mit religiösen Heilsversprechen ködern kann,
einfach weil dieses religiöse Heil dort in einer viel längeren,
stärkeren Tradition steht als „demokratische“ Werte, sind die Greuel im
Namen des Islam geschehen.
Es funktionierte hierzulande nicht, weil zwar, wie auch das
letztjährige Papst-Happening in Köln zeigte, noch immer ein ganzer
Haufen Leute ganz verrückt ist nach dem Rabbi Jesus, aber ein
christlicher Fundamentalismus noch immer, zum Glück, nicht die
geringste Chance hätte, eine so breite Wirkung zu erzeugen, dass ein
ganzer Mob tiefgläubiger armer Schlucker loszöge, Lynchjustiz im Namen
des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zu begehen.
Religion hat, so viel ich weiß, in den Gesellschaften der
muslimischen Welz einen völlig anderen Stellenwert als bei uns. Weil
sie vielerorts nicht in unserem Sinn aufgeklärte Gesellschaften sind.
Weil es auch dort Handies und Internet gibt, es jedoch kein Widerspruch
ist, dass die Nummer mit den Jungfrauen, die den im Jenseits erwarten,
der den Heldentod stirbt, so grauenhaft funktioniert. Geistliche haben
in diesen Ländern Macht über die Menschen, so wie das bei uns noch 17.
Jahrhundert war. In den Diskussionen um die Ereignisse der letzten Tage
fehlt mir manchmal so eine Überlegung, sie scheinen aus dem Ruder zu
laufen. Allzu viel „die da“ und „wir hier“ wird mir da laut. So als
sorgte eine Art Kriegsangst dafür, dass mancher Zeitgenosse dazu neigt,
den eigenen geistigen Horizont zu unterschreiten. Die Panikmache der
Medien scheint zu greifen. Fehlt nicht viel, und geistige Brandstiftung
schlägt großflächig um sich. Und das ist auch nicht besser als eine
brennende Botschaft in Beirut.
Mir ist vieles an der arabischen Kultur viel zu sympathisch als
dass ich mich davon anstecken ließe. Ihre Musik, ihre Küche, ihre
Gastfreundschaft. Um nur drei Dinge zu nennen. Und ich neige eher dazu,
ein Experiment fortzusetzen, das ich vor einigen Jahren mal angefangen
habe. Im Koran zu lesen. Ich war sehr überrascht bei der ersten
Lektüre. Kam mir stellenweise vor wie `ne Kopie der Bibel. Die Gebote
schienen fast die gleichen, nur etwas strenger formuliert. Und mir
fällt immer wieder auf, dass die Gebetsketten, mit denen man
muslimische Männer immer gern manisch spielen sieht, oft den
Rosenkränzen der Katholiken beinah gleichen.
Soll heißen, je höher die Wellen in diesem Weltenkonflikt schlagen,
den wir jetzt schon seit mindestens einer Dekade miterleben, desto mehr
ist mir danach, Verständnis zu gewinnen für diese andere Kultur. Denn
natürlich ist das unserem Verständnis nach lächerlich, dieses
Tohuwabohu zu veranstalten wegen ein paar Karikaturen. Aber eben nur
unserem Verständnis nach. Das aus viel mehr Quellen gespeist wird als
nur aus heiligen Schriften. Ich verstünde gern, warum ein paar Witzchen
die Volksseele kochen lassen können. Aber das bleibt mir natürlich
versagt, wenn ich nur entsetzt dagegen anschreie.

